Süss & sinnlich
Asterix flunkerte gewaltig.
Der von den Soldaten
Cäsars gefangene Gallier
wollte Zeit gewinnen. Erdbeeren,
so verriet er dem
Feldherrn Gaius Bonus, müssten unbedingt
in den Zaubertrank. Da dieser
Trunk jedem, der ihn genoss, übernatürliche
Kräfte verlieh, taten die römischen
Eroberer fast alles, um dessen
Zutaten aufzutreiben.
Dass sie nach langem Suchen einem
griechischen Händler ein Schälchen
mit den begehrten roten Beeren abkauften,
kann man aber nicht nur deshalb
ins Reich der Fabel verweisen,
weil alle beteiligten Personen Comic-
Figuren sind: Gartenerdbeeren gibt es
in der heute landläufig bekannten
Form erst seit ungefähr 250 Jahren, als
bretonische Bauern erfolgreich Chile-
Erdbeere und amerikanische Scharlacherdbeere
kreuzten.
Alles vorher hatte die Süße und die
Form der Früchte, die wir als Walderdbeeren
kennen. So wird es von Ovid,
Vergil und Plinius beschrieben. Wobei
hier der Korrektheit halber gesagt sei,
dass Fragaria, so die botanische Gattungsbezeichung,
gar keine Beere ist,
sondern eine Sammelnussfrucht. Die
kleinen grüngelben und manchmal
braunen Kerne, die beim Verzehr so
gerne zwischen den Zähnen stecken
bleiben, sind die Nüsschen, die an
einem verdickten Fruchtstand hängen.
Aber ob Nuss oder Beere, jedenfalls
scheint etwas ganz Besonderes dran
zu sein an den Früchtchen: Liebeshungrige
Paare bestellen sie sich zum
Tête-à-Tête zusammen mit einer Flasche Champagner aufs Hotelzimmer,
um danach das Schild „Bitte nicht stören“
an den Türknauf zu hängen. Boris
Vian und Klaus Kinski haben sie besungen
und waren ganz wild auf den
„Erdbeermund“ ihrer Angebeteten.
Und wahrscheinlich ist es kein Zufall,
dass eine der mehreren Hundert Erdbeersorten
den Namen „Eros“ trägt.
Doch die Begeisterung fängt ja eigentlich
viel früher und viel unschuldiger
an. Die leuchtend roten und
meist zuckersüßen Früchtchen haben
bei so ziemlich jedem von uns einen
festen Platz in den Kindheitserinnerungen.
Sie lagen zum Beispiel in der
großen Porzellanschüssel, die eine
Nachbarin ans Gartentürchen gestellt
hatte, als der Scharlach gemeinerweise
mitten im Frühsommer zugeschlagen
hatte und sechs Wochen strammer
Quarantäne bescherte. Ein mehr als
willkommener Gute-Besserungs-Gruß
in verzweifelter Lage, und eine Vitaminbombe
obendrein: In 100 Gramm
Erdbeeren stecken 64 Milligramm Vitamin
C, 0,03 Milligramm Vitamin B1
und 0,05 Milligramm Vitamin B2.
Bei Opa und Oma durfte man die
reifen Exemplare im Schrebergarten
gleich vom Beet essen. An die Gefahren
des Fuchsbandwurmes dachte damals
noch niemand. Es galt vielmehr,
das süße Erntegut beizeiten gegen den
Übergriff der gewöhnlichen Gartenschnecke
zu verteidigen – mit Gift,
Bierfallen oder durch tägliches Aufklauben
der gefräßigen Kriechtiere.
Wenn man den Kampf jedoch gewonnen
hatte, dann lagen die Früchte
dieser Mühen alljährlich als erstes frisch geerntetes Obst auf dem Kuchen,
meist von einer dicken Gelatineschicht
erstickt. Dennoch waren Erdbeeren
ebenso wie die Erlaubnis, statt
der Wollstrumpfhose endlich die
Kniestrümpfe anziehen zu dürfen, ein
untrügliches Zeichen dafür, dass der
Sommer im Anzug war. Ein Versprechen
von mehr, sozusagen.
Doch die Kindheit ist längst
vorbei, und die Geschichten
von den Erdbeeren ließen
sich so nicht mehr erzählen.
Der Hunger der Welt nach
den roten Früchten ist zwar noch
immer genauso groß. Aber die Erdbeere,
welche die warmen Tage eingeläutet
hat, hat ihre Unschuld verloren,
heute ist sie allzeit verfügbar.
Erdbeeren düsen gut verpackt in
Transportflugzeugen um die Welt, Fragaria
hat ihren Zauber eingebüßt.
Doch die Lust auf Erdbeereis und Erdbeerjoghurt
bleibt ungebrochen. Und
die Nachfrage regelt ihre Produktionsbedingungen.
Der Journalist Hans-Ulrich Grimm,
einer der führenden Experten auf dem
Gebiet der Nahrungsmittelproduktion,
hat ausgerechnet, dass die Weltproduktion
gerade einmal ausreichen
würde, um 5 Prozent des amerikanischen
Erdbeerhungers zu stillen. Deshalb
hat er nachgeforscht, wie der Rest
unserer Nahrungsmittel zu seinem
Erdbeergeschmack kommt. Grimms
Antwort ist desillusionierend: Er
stammt von einer Vielzahl von Stoffen
– richtige Erdbeeren sind aber
nicht darunter. Der im niedersächsischen
Holzminden ansässige Konzern
Symrise vertreibt künstliches Erdbeeraroma
weltweit, und die US-amerikanische
Firma Ocean Spray gewinnt aus
robusten Preiselbeeren Fruchtstückchen,
die dank Aromabeigaben so
schmecken, als seien sie schon als Erdbeeren
geerntet worden.
Für die Erdbeere gilt: mehr Schein
als Sein. Auch die aus den Niederlanden
kommende Sorte „Elsanta“, die in
unseren Gefilden auf den kommerziellen
Erdbeerplantagen in der Regel angebaut
wird, ist nicht gerade ein Gaumenkitzler.
„Elsanta“ hat dafür andere
marktkompatible Eigenschaften. Sie
leuchtet rot, ist robust, übersteht auch
mehrtägige Transporte und sieht dann
immer noch fein aus. Längst gehen die
Produzenten davon aus, dass Erdbeeren
klein geschnitten und gut eingezuckert
verspeist werden. Der Geschmack
kommt dann von alleine –
aus dem Zuckerstreuer.
„Elsanta“ ist die funktionale Erdbeere
unserer Zeit. Dennoch oder gerade
deshalb „ist sie in Mitteleuropa in
Sachen Erdbeere das Maß aller
Dinge“, sagt Erik Schulte. Er leitet
im sächsischen Wurzen eine von 13
Außenstellen des Bundessortenamtes
Hannover. In dieser dem Verbraucherministerium
zugeordneten Dienststelle
geht es einzig und allein um den
Sortenschutz. Der entscheidet letztlich
darüber, wer an seinen Erdbeeren
richtig Geld verdienen kann.
Das funktioniert dann so ähnlich
wie die Gema-Gebühr beim Abspielen
von Musik: Jeder, der mit einer
sortengeschützten Erdbeersorte Geld
verdient, muss für deren Einsatz Lizenzgebühren
an den Sorteninhaber
abführen. Von der Erdbeerplantage
zum Selberpflücken bis hin zum kommerziellen
Erdbeerfeld für die Marmeladenfabrik.
Nur reine Schrebergärtner,
die Erdbeeren für den Hausgebrauch
anbauen, bleiben verschont.
Und deshalb redet in Wurzen niemand
von dem Genuss, den der Verzehr
von Erdbeeren doch in erster
Linie bereiten sollte. „Subjektive Parameter
spielen im Sortenschutz keine
Rolle“, sagt Schulte in der förmlichen
Sprache des Gartenbauwissenschaftlers,
dessen Mitarbeiter die Natur in
ein Prüf- und Koordinatensystem packen
müssen.
Neu muss sie sein, die Erdbeere, die
hier nach einem zweijährigen Prüfverfahren
den Sortenschutz zuerkannt
bekommt. Nach 44 Kriterien wird geprüft
– ob etwa die kleinen Nüsschen
ganz tief in den Fruchtstamm versunken
sind oder ob sie aus der Oberfläche
herausschauen. In nur einem
Merkmal müssen sich die Aspiranten
von allem je Dagewesenen unterscheiden.
Es reicht, wenn die Härchen am
Stil anders stehen oder das Grün lichter
ist. Je nach Prüfverfahren bekommen
sie dann nationalen oder europäischen
Sortenschutz zugesprochen.
Mit einer Pflanze Geld zu
verdienen ist das eine.
Geschmack das andere.
Und so gibt es eben immer
noch die Freunde des
guten Geschmacks, eine unbeugsame
Gemeinde, die wie Asterix und Co.
den Kampf gegen den Massengeschmack wagt. Liebhaber sind das, die
sich für den Erhalt alter Erdbeersorten
wie „Mieze Schindler“ stark machen.
Die klingt nicht nur nach einem Picknick
am Waldrand. Sie schmeckt auch
so erdig und ehrlich wie ein Sommertag
im Halbschatten, ist jedoch transportempfindlich
und nicht lagerfähig.
Ein Dreivierteljahrhundert alt ist
„Mieze“. Otto Schindler, der Direktor
der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau
in Dresden-Pillnitz, hat sie gezüchtet
und nach seiner Frau benannt.
Wegen ihres vorzüglichen Aromas
wurde sie damals in fast allen Hausgärten
angebaut. Dann geriet sie in
Vergessenheit.
wieder vereinzelt in den Gärtnereien.
Die kommerziellen Anbauer aber ziehen
ihr nahezu ausnahmslos die neueren
Hochleistungssorten vor. Diese
lassen erheblich höhere und sicherere
Erträge zu, sind nicht nur transportfester,
sondern zum Teil auch weniger
empfindlich gegen Krankheiten und
Schädlinge.
Zudem genießt „Mieze Schindler“
keinen Sortenschutz, denn der gilt nur
für 25 Jahre. Das ist das K.-o.-Kriterium
für die Vermarktung im großen
Stil, denn nur bei einer geschützten
Sorte kann der Züchter jedes Mal die
Hand aufhalten, wenn ein Setzling
über den Ladentisch geht. Auch für
„Elsanta“ wird die Zeit knapp. Dieses
Jahr läuft der Sortenschutz für ihren
niederländischen Züchter aus. Eine
würdige Nachfolgerin ist bisher nicht
auf den Plan getreten.
Und wie die Geschichte von Asterix
und den Erdbeeren ausgegangen ist?
Nun ja, die leckeren Früchte landeten
zwar nicht im Zaubertrank, sondern
zum Entsetzen seiner Bewacher direkt
im Mund des gallischen Helden.
Aber welche andere Beere kann schon
eine ähnliche prominente Erwähnung
in der römischen Geschichte für sich
reklamieren?
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