Mukhtar Mai - Die Schuld, eine Frau zu sein
Die 28-jährige Pakistanerin Mukhtar Mai muss auf grausame Weise für ein vermeintliches Unrecht ihres Bruders büßen – und ihr Leben wird danach nie mehr sein wie zuvor.
Mukhtaran Bibi, 28 Jahre alt und Angehörige der Bauernkaste der Gujjar in der pakistanischen Provinz Punjab, erlebt am 22. Juni 2002 den schlimmsten Tag ihres Lebens: Sie muss vor den Clan der höheren Kaste der Mastoi treten, der aus mächtigen Grundbesitzern und Kriegern besteht, und im Namen ihrer Familie um Vergebung bitten.
Die Mastoi haben fast ihren gesamten Klan versammelt. Eine undurchdringliche Mauer aus Männern, bedrohlich und fiebrig erregt. Sie schüchtern mich ein mit ihren Gewehren und ihren finsteren Mienen. Vor allem Faiz, der Chef des Klans, ein großer und kräftiger Widerling, der mit einer Pumpgun bewaffnet ist. Sein Blick ist der eines Irren, starr und voller Hass. Ich breite den mitgebrachten Schal als Zeichen der Demut vor dem Stammesoberhaupt der Mastoi und seinen Brüdern aus. Auswendig trage ich einen Vers aus dem Koran vor und lege die Hand dabei auf das Heilige Buch. Nun ist der Moment gekommen, meine Bitte um Vergebung vorzubringen. Während ich spreche, halte ich den Blick gesenkt und erhebe meine Stimme so laut wie möglich gegen das dumpfe Raunen der aufs Höchste gereizten Männer. "Sollte mein Bruder Shakkur ein Unrecht begangen haben", beginne ich und hole einmal tief Luft, "so bitte ich an seiner Stelle um Vergebung und um seine Freilassung." Ich bin zwar furchtbar aufgeregt, aber meine Stimme hat nicht gezittert. Langsam hebe ich den Blick und warte auf die Antwort. Doch Faiz schüttelt nur verächtlich und mit einer herrischen Geste den Kopf. Es folgt ein kurzes Schweigen, die Stimmung ist aufs Äußerste angespannt.
Ich bete im Stillen, und plötzlich, blitzartig, steigt Angst in mir auf und lähmt meinen Körper wie ein elektrischer Schlag. Reglos sehe ich in die Augen dieses Mannes, der nie die Absicht gehabt hat, unserer Familie Vergebung zu gewähren. Er hat nach einer Gujjar-Frau verlangt, um vor dem ganzen Dorf Rache zu üben. Er und seine Brüder haben den Mullah, meinen Vater und meine ganze Familie getäuscht.
Faiz wendet sich an seine Stammesbrüder, die es, wie er selbst, kaum erwarten können, den Richterspruch des Stammesgerichts umzusetzen. "Sie ist da!", dröhnt die Stimme des Klanführers in meinen Ohren. "Macht mit ihr, was ihr wollt!"
"Die Schuld, eine Frau zu sein" von Mukhtar Mai finden Sie in unserer Buchreihe "Im Spiegel der Zeit".
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