Mit den Beatles in Hamburg

Hier findet der Wanderjahrmarkt „Dom“ statt,wo im November 1960 ein Mädchen namens Astrid Kirchherr jene unvergänglichen Fotos machte, auf denen die Beatles vor Verstärkern und Lautsprechern stehen und dabei Jugendlichkeit, Stolz und Hoffnung ausstrahlen.
In Hamburg selbst ist die Reeperbahn, eine breite Hauptstraße nahe dem rechten Elbufer in St. Pauli, bekannt als die unanständigste Straße der Welt. Sie erhielt ihren Namen von Taumachern und Seilern, den Reepschlägern, die für ihre Arbeit eine lange, gerade Bahn brauchten. Die Straße entwickelte sich zum Treffpunkt von Seeleuten, die dort ihr Takelwerk reparieren ließen. Sie trugen dazu bei, dass die Reeperbahn Hamburgs Rotlichtviertel wurde. Ihr zwielichtiges Image zieht jährlich 30 Millionen Besucher an. Im Morgenlicht sieht die Straße jedoch billig und schäbig aus – wie alle diese Viertel.
Beim Gang über die Reeperbahn verspürt der Beatles-Fan unwillkürlich so etwas wie Nervenkitzel. Hier ist die Davidwache, die schmucke Polizeiwache, auf der Pete Best und Paul McCartney eine Nacht verbringen mussten, weil sie ein Kondom angezündet hatten, nachdem sie aus einem Club geworfen worden waren. Hier befand sich mal der „Top Ten Club“, in dem die Beatles 92 Nächte hintereinander spielten und sich Paul McCartney und Stuart Sutcliffe auf der Bühne vor einer Riesenmenge prügelten. Das Top Ten hielt sich bis 1989, später wurde daraus das „Moondoo“, ein konventionellerer Club für konventionellere Leute. Die Rundgänge auf den Spuren der Beatles enden hier. Draußen stehen Führer und halten Fotos hoch: ein völlig weggetretener John Lennon in gebleichten Jeans, Fratzen ziehend, von Rauchwolken eingehüllt, zwischen leeren braunen Flaschen.
Wenn man die Reeperbahn verlässt und ein paar stille Straßen überquert, stößt man auf das bis zum Jahr 2008 einzige Beatles-Denkmal in Hamburg. An der Paul-Roosen-Straße 33, vor dem ehemaligen Bambi-Kino, halb versteckt hinter Efeu und nun zu schönen Wohnungen umgebaut, verkündet ein Schild: „Hier wohnten die Beatles 1960“. Darunter ein Foto von müden jungen Männern, die vor der Kamera herumkaspern.
Als sie das erste Mal nach Hamburg kamen, war das Hinterzimmer dieses Gebäudes ihr Zuhause: eine fensterlose Bude, nicht beheizt, ungelüftet, mit einer nackten Glühbirne. Sie schliefen – wenn überhaupt – auf verschimmelten Feldbetten aus dem Krieg unter schmutzigen britischen Fahnen. Waschgelegenheit bot sich den Bandmitgliedern nur auf öffentlichen Toiletten. Das Leben in Hamburg war für die jungen Musiker hart, verwahrlost, doch für Teens und Twens schien das annehmbar zu sein. Es war unbestritten die coolste Zeit der Beatles.
Ihren ersten Auftritt hatten sie im „Indra“, einem Striplokal in der schmuddeligen Seitenstraße Große Freiheit 64. Geführt wurde das Indra von Bruno Koschmider, einem Unternehmer und Panzerdivisionsveteran, der neben den Beatles manchmal auch Tänzer unbestimmbaren Geschlechts auftreten ließ.
Oft standen sie nachts sechs Stunden lang auf der winzigen Bühne. Dankbare Gäste, denen ihre Interpretation des 50er-Jahre-Rock’n’Roll mächtig gefiel, spendierten ihnen Bier. Die alte Dame, die einen Stock darüber wohnte, beschwerte sich so massiv über den Krach, dass die Polizei das Lokal schloss. Koschmider verlegte die Band in den etwas größeren Kaiserkeller, ein paar Häuser weiter. Der Kaiserkeller war eine Spelunke härterer Gangart, frequentiert von Motorradcliquen sowie betrunkenen Seeleuten. Die Kellner waren ehemalige Boxer, die aufgrund früherer Erfolge eingestellt worden waren.
Bis vor Kurzem war der Kaiserkeller eins der besten Rocklokale Hamburgs, doch seine neuen Inhaber wollten weniger Livemusik und haben sich der Hamburger Studentenschaft zugewandt. Nahe des Eingangs verheißt hinter Glas ein Exemplar eines Plakats aus den frühen 60er-Jahren Vergnügen mit „Den Beatles – England – Liverpool“. Auf der anderen Seite wirbt ein Poster für die nächsten Clubnächte mit „Zurück zu den 80ern“.
Gegenüber, auf der Großen Freiheit 39, stand bis in die 80er-Jahre Hamburgs größter und berühmtester Rock’n’Roll-Club, der Star-Club. Nachdem er abgebrannt war, entstanden hier Bars und einfache Lokale. Wo früher der Vordereingang des Clubs war, steht heute ein schwarzes Marmormonument mit den Namen der berühmten Musikgruppen, die im Club auftraten. Wo einst die Star-Club-Bühne mit ihrer stilisierten Stadtlandschaft stand, existierte bis vor Kurzem „The Rock Café“, vermutlich ein abgeschwächteres Hard Rock Café.
Und nun schließen Sie die Augen, und stellen Sie sich das erste knall-orangefarbene Star-Club-Plakat vor. Dort stand: „Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“
Unter den Raubkopien, die im Star-Club aufgenommen wurden, gibt es eine von Purple Chick mitgeschnittene Version von Chuck Berrys Song I’m Talking About You. Schnulzig und trunken, kaum zwei Minuten lang, aufgenommen mit einem primitiven Tonbandgerät, ist diese Fassung dennoch das Großartigste, was die Beatles jemals gesungen haben.
Ist man vom ehemaligen Bambi-Kino aus an diesen ganzen historischen Stätten vorbeigewandert, gelangt man zum Beatles-Platz: Er hat die Form einer überdimensionalen Schallplatte mit einem Durchmesser von 29 Metern, und darauf stehen Edelstahlskulpturen der Musiker. Der Platz liegt an der Ecke Große Freiheit und Reeperbahn. Nachts leuchten die silbrigen Silhouetten, so entsteht der Eindruck eines rotierenden Plattentellers.
Ein Stück weiter ist die „Beatlemania“, eine neue Ausstellung auf fünf Etagen. Wenn Sie die Eingangshalle durchquert haben, erfahren Sie vieles über die Hamburger Jahre. Nachgestellt hat man hier ein altes deutsches Passamt mit Vergrößerungen der Beatlesausweise, und in Glaskästen ruht feierlich eine alte Lederhose McCartneys und ein Exemplar von Lennons Buch In His Own Write, der alten Freundin Astrid Kirchherr gesandt und unterzeichnet mit „Love and cripples from good John“. Außerdem gibt es handgeschriebene Lebensläufe der jungen Beatles. John Lennon nennt als sein Ziel „reich sein“ und hat es zweimal unterstrichen. Durch den Geschenkeartikelladen gelangen wir wieder nach draußen, in das Hamburg, wo Leute den Traum von John Lennon, dem Leader, leben.
Vor über zehn Jahren begannen die Mieten zu steigen, langjährige Mieter wurden verdrängt. Investoren stürzten sich auf vielversprechende Immobilien. Die Verbrechensrate sank, öffentliche Einnahmen stiegen – aber es gab natürlich nicht nur Gewinner. Dieser Prozess ist auf starken organisierten Widerstand von St. Paulis „wirklichen“ Bewohnern gestoßen, also den Bedürftigen, Ausländern, Altlinken, Anarchisten, Grünen.
Letztes Jahr wurde das alte „Erotic Art Museum“ von Hausbesetzern belagert, Protest gegen den Kauf noch weiterer zerbröckelnder Häuser, um aus ihnen für sie unerschwingliche Luxuswohnungen zu machen.
Und gerade in St. Pauli hat Hamburg den zahllosen Hafenarbeitern der Stadt lange erschwinglichen Wohnraum geboten. In der Jägerpassage wurde John Lennon fotografiert, wie er sorglos in einem Eingang lehnt. Lennon mochte das Bild so sehr, dass er es für die Hülle von Rock’n’Roll verwendete, einem 1973/74 aufgenommenen Album. Der Eingang existiert noch, doch das billige elektrische Licht ist längst abmontiert, nur ein schwacher Abdruck an der Backsteinmauer ist geblieben. Sozialwohnungen gibt es kaum noch, die Unterschlupfe für Hausbesetzer werden geräumt.
Nach den Sechsstundenschichten im Indra frühstückten die Beatles morgens im Café Möller am Ende der Großen Freiheit. Das Café ist im Stil der frühen 60er-Jahre erhalten und heißt jetzt offiziell „Café Möller am Beatles-Platz“. Hier sitzt an einem Fenstertisch Horst Fascher, eine legendäre Lokalgröße in den 70ern. Gelegentlich Rausschmeißer im Kaiserkeller, dann Geschäftsführer des Top Ten Club, eröffnete er zusammen mit Manfred Weissleder den Star-Club. Er war zunächst der offizielle Beschützer der Gruppe, entwickelte sich jedoch zu ihrem engen Freund. Fascher ist auf den Hamburger Bändern zu hören, wie er Hallelujah, I Love Her So schmettert. Paul McCartney hält immer noch Kontakt zu ihm.
Am 31. Dezember 1962 – der letzten Nacht der Beatles im Star-Club – saßen Horst Fascher und John Lennon bei einem Drink an einem Tisch in einer stillen Ecke. In England war die erste Single der Beatles auf Platz 17 der britischen Top 40 gelandet; ihre zweite, Please Please Me, war aufgezeichnet und sollte im neuen Jahr erscheinen. Horst hob das Glas und trank seinem alten Kumpel zu: „Auf baldiges Wiedersehen“.
Lennon lachte und schlug auf den Tisch. „Horst, wir kommen nie wieder“, meinte er. „Ich sage dir jetzt, das war’s. Sollten wir jemals wieder hierher zurückkommen, wirst du einen roten Teppich ausrollen müssen.“
„Er hatte recht“, flüstert Fascher und schüttelt den Kopf. „Ich habe ihn nicht wiedergesehen.“
HEUTE NACHT! Das Indra, mittlerweile von Grund auf renoviert und wieder im Geschäft, präsentiert die Supergruppe Bambi Kino. Ihre Mitglieder sind von Guided By Voices, Cat Power, Maplewood und Nada Surf, und sie haben eine Mission: alte Beatles-Songs spielen, wie vor 50 Jahren. Der Club füllt sich. Bambi Kino spielen Besame Mucho und Kansas City und Red Sails In The Sunset, sie können das wirklich. Sie singen Long Tall Sally sogar in G-Dur. (McCartney hatte damals in E-Dur gesungen, um seine Stimmbänder zu schonen.)
Sie sind ein bisschen zu geschmeidig und klingen nicht ganz echt. „Schau machen“, wie es Bruno Koschmider einst verlangt hatte, tun sie nicht. Man spürt, dass es für die Bambi-Kino-Leute eine sehr persönliche Angelegenheit ist; wie vielen Vollzeit-Fans der Beatles geht es ihnen nicht nur um die Liebe zu dieser Musik. Die Beatles-Manie ist mehr ein Jagen nach einem tief in sich verborgenen Funken von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten, der einen nie zur Ruhe kommen lässt. Früher oder später entdecken wir in den verblassten Fußspuren der Beatles zu unserem Entsetzen, dass das, was wir suchen, in der Vergangenheit lebt.
In den frühen Morgenstunden, als ich zum Empire Riverside Hotel aus Metall und Glas gehe, fällt Regen auf die Große Freiheit. Bis 2007 übernachteten nur wenige Besucher in St. Pauli, einer noch immer ziemlich schäbigen Gegend. Einen Moment lang stehe ich vor der hohen Glaswand und schaue auf die beleuchteten Landungsbrücken, wo die großen Schiffe in Hamburg einlaufen, Ladung löschen und ihre Fahrt fortsetzen.
Ich setze meine Kopfhörer auf und lausche konzentriert den unwiderstehlichen jungen Beatles, die mich gefangen nehmen, und ich kann nicht erklären, weshalb.
„Give me money!“, schreit John Lennon, König einer sich verändernden Welt. „Give me money. A whole lotta money. That’s what I want.“ Gib mir Geld, einen Haufen Geld, das will ich!
© 2010 BY TAYLOR PARKES. THE QUIETUS (SEPTEMBER 2010), WWW.THEQUIETUS.COM
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