Was tun Sie hier eigentlich? Genau: Sie lesen. Damit sind wir auch schon mitten im Thema, denn im Folgenden soll es um nichts Geringeres gehen als die Zukunft des Lesens. Doch werfen wir zunächst einmal einen Blick zurück auf die Geschichte dieser Jahrtausende alten Kulturtechnik. Bereits in der Steinzeit hielten Menschen Erzählungen in Form von Zeichnungen auf Höhlenwänden fest, die alten Ägypter schrieben dann bereits in sehr viel komplexeren Hieroglyphen. Im Mittelalter wurden vor allem in Klosterbibliotheken handschriftliche Kopien von Büchern angefertigt, um Wissen in den gebildeten Kreisen weiterzutragen. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts schließlich gilt als Startschuss für die Demokratisierung des Lesens und das Buch als Massenmedium. Damit war es möglich, Texte eines Autors an viele Leser zu verbreiten.

Massenphänomen Lesen
Heute lesen wir tagtäglich, meist, um uns zu informieren: in Zeitungen, Zeitschriften und Fachbüchern, aber auch auf Straßenschildern, in Bedienungsanleitungen oder einfach den Busfahrplan. „Es wird generell immer mehr gelesen“, bestätigt Professor Klaus Schönbach von der Universität Friedrichshafen. Auch das Internet, so der Kommunikationswissenschaftler, sei ja oft ein echtes Lesemedium. Zu jedem Medium gehört eine spezielle Art zu lesen. Romane etwa lesen wir kontinuierlich von vorn bis hinten, um der Handlung folgen zu können. In einer Bedienungsanleitung dagegen suchen wir meist gezielt nach Informationen, wie wir bestimmte Funktionen eines Gerätes nutzen können. Und Zeitungen sind so aufgebaut, dass Leser die wichtigsten Punkte erfassen, selbst wenn sie nur Überschriften und Vorspänne lesen. Dagegen beschäftigen wir uns mit wissenschaftlichen Texten meist intensiv: Forscher und Studenten arbeiten sie durch, streichen wichtige Passagen an. Im Internet hingegen lesen wir nur selten eine Seite komplett, sondern picken wichtige Informationen heraus. „Hat man einen weiterführenden Verweis zum Thema gefunden, klickt man ihn an und liest auf der nächsten Seite weiter“, beschreibt Bodo Franzmann, von 1997 bis Anfang 2008 Leseforscher der Stiftung Lesen, die Technik. Auch die Korrespondenz wandelt sich mit den Medien und bringt neue Formen des Lesens hervor. Die Displays von Handys oder Minicomputern wie dem BlackBerry etwa zeigen nur eine begrenzte Zahl von Wörtern an. Das passt zur Anwendung: Man liest Nachrichten darauf meist unterwegs, zwischen anderen Tätigkeiten. Die Information muss prägnant sein, damit der Empfänger sie schnell versteht. Dementsprechend wird häufig in Stichworten oder gar Symbolen geschrieben: Die Zeichenkette ;-) steht für ein Augenzwinkern, :-* für einen Kuss.

Klassiker Buch
Der zeitlose Klassiker unter den Lesemedien ist und bleibt das Buch. Während sich laut GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) die Verkäufe von Musik-CDs seit 1995 fast halbiert haben, büßten Bücher in der gleichen Zeit nur 6 Prozent Anteile im wachsenden Medienmarkt ein. Etwa 55 Prozent aller Deutschen kauften seit 2003 regelmäßig Bücher, dabei gab jeder von ihnen durchschnittlich gut 100 Euro pro Jahr für diese Lektüre aus. Tendenz: leicht steigend. Ein rasantes Wachstum zeichnete in den vergangenen Jahren den Markt für Hörbücher aus – was bislang nicht zulasten der gedruckten Bücher geht. Laut Professor Schönbach sähen viele Menschen in Hörbüchern eine zusätzliche Möglichkeit, um sich mit Literatur zu beschäftigen, etwa beim Autofahren. Die Auflagen von Tageszeitungen dagegen gehen stetig zurück, seit 1998 um gut 18 Prozent. Schönbach, der die Entwicklung von Zeitungen seit 1995 untersucht, sieht darin aber kein Indiz für eine lesefaule Gesellschaft: „Zeitungen haben es schwer, weil sich immer weniger Leute für öffentliche Angelegenheiten interessieren.“ Für ihn ist das ein typisches Phänomen „reifer Demokratien ohne Krisen“. Ein Indiz: Ende 2001, nach den Anschlägen des 11. September erlebten Tageszeitungen ein Auflagen-Plus. Dabei sieht Experte Schönbach die Blätter lediglich als Datenträger: „Nicht die Papierzeitung, sondern der Journalismus ist das Geschäft.“ Menschen schätzten die Dienstleistung, Themen gefiltert, sortiert und verständlich aufbereitet geliefert zu bekommen. Das unterscheide das Angebot einer Zeitung etwa von reinen Informations-Sammlungen im Internet. Die Statistik gibt ihm recht: Die Nutzung von Zeitungs- Internetseiten hat sich seit 2001 fast verdoppelt. Elektronische Nachrichtenangebote entwickeln sich in letzter Zeit rasant: Die Deutsche Telekom etwa will ab dem späten Herbst mit dem Projekt „News4me“ – übersetzt bedeutet dies „Nachrichten für mich“ – eine individuelle elektronische Zeitung testen. Deren Abonnenten sollen ihre persönliche Nachrichten-Zusammenstellung per Mobilfunk-Datennetz auf ein tragbares Lesegerät bekommen. Damit, so Projektfeldleiterin Katja Henke, wolle man testen, welche Arten und Mengen von digital übertragenen Nachrichten verschiedene Zielgruppen nutzen.

Generation Zukunft
Wenn wir uns fragen, wie wir in den nächsten Jahrzehnten lesen werden, dann spekulieren wir vor allem über das Verhalten der heutigen Kinder und Jugendlichen. Die lernen von Anfang an eine Multimedia-Welt kennen, an die ältere Menschen sich oft mühsam gewöhnen müssen. Jugendliche kommen deshalb oft besser mit dem Internet, Handys oder Computerspielen zurecht als Erwachsene. Dennoch gehöre das Lesen zu einer der wichtigsten Grundfertigkeiten für ein Kind, um Kreativität zu erlangen, sagt Leseforscher Bodo Franzmann. Er verweist dabei auf eine Untersuchung an der amerikanischen Yale Universität aus den 70er-Jahren, in der Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, sowie solche, die vor allem fernsahen, beim Spielen beobachtet wurden. „Kinder, die viel lasen, gingen mit ihren Spielsachen kreativer um und entwickelten etwa eigene Baumuster, während die anderen hierbei eher schematisch vorgingen“, berichtet Bodo Franzmann. Auch die PISA-Studien der letzten Jahre belegten, dass Lesen für Schüler die maßgebliche Grundfertigkeit ist, um in anderen Fächern gute Leistungen zu erreichen. Der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer meint dazu: „Das Buch unter dem Kopfkissen bringt nur etwas, wenn man vorher darin gelesen hat.“ Der Ulmer Professor fordert, dass vor allem kleinere Kinder weder vor dem Fernsehgerät noch vor dem Computer sitzen sollten. Er hält die Medienflut auf dem Bildschirm für eine „Bild- und Klang-Soße“, die das noch nicht fertig entwickelte Gehirn von Kindern überfordere und im Extremfall schädige. Obwohl Leseforscher Franzmann die Thesen des Hirnforschers etwas übertrieben findet, bestätigt auch er, dass eben das Vorlesen, das Betrachten von Bilderbüchern und später das eigene Lesen für die Entwicklung der Fantasie viel wichtiger sind, als Filme anzuschauen. „In Filmen sind die Charaktere fertig entwickelt. Das macht es dem Zuschauer schwerer, in sie hinein zu schlüpfen“, sagt Franzmann. In Büchern dagegen erzeuge der Leser die Figuren zu einem großen Teil selbst im Kopf.

Wie wir morgen lesen
Franzmann sieht für das Buch denn auch eine große Zukunft: „Es riecht nach Druck, man kann hören, wie die Seiten rascheln. Das spricht die Emotionen an.“ Er glaubt nicht, dass Bücher künftig vor allem digital verbreitet werden. Auch Jugendliche hätten eine „emotionale Bindung zu Büchern“, wenn sie damit groß geworden sind und als Kleinkinder an ihren ersten Büchern geknabbert haben. Kommunikationswissenschaftler Schönbach dagegen ist sicher, dass elektronische Bücher und Zeitungen auf „E-Paper“ kommen werden. So nennen Fachleute alle Arten von Lesegeräten für längere Texte. Die Visionen gehen dabei vom elektronischen Buch mit weißen Seiten zum Aufklappen bis zur großformatigen Folie, auf die man ganze Zeitungsseiten aus dem Internet herunterlädt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis E-Paper dem Buch oder der Zeitung so sehr ähnelt, dass kein Grund mehr besteht, Papier zu bedrucken“, so Schönbach. Dass solche Geräte bis heute keinen nennenswerten Erfolg hatten, läge vor allem an zwei Faktoren: Sie seien zu unhandlich und zu teuer. Ein Spezialgerät für digitale Bücher bietet der Internet-Buchhändler Amazon seit letzten Herbst in den USA an: den „Kindle“. Der Name bedeutet „entfachen“ und spricht sich „kindl“. Inhalte dafür kann man online kaufen und via Mobil-Datennetz direkt in den Kindle-Speicher laden. Neben gut 145000 Buchtiteln gibt es für den Kindle auch Tageszeitungen wie die Washington Post oder die New York Times. Der Kindle zeigt ganze Buchseiten an und hat Tasten, um vor und zurück zu blättern. Mit einer kleinen Tastatur unter dem Bildschirm lassen sich Texte nach Stichworten durchsuchen. Für Experte Schönbach ist der Kindle bislang zu teuer: 359 Dollar für das Gerät und 9,99 Dollar pro Buch! Dennoch erwartet er eine Art „iPod zum Lesen“, der sich so nah wie möglich an Papier anlehnt. Aber: „Zeitung bleibt Zeitung, Roman bleibt Roman – das ist ja das Spannende“, sagt Schönbach. Ob sie auf Plastikfolie, auf einem papier ähnlichen Display oder auf Papier stehen, ist für ihn nur eine Frage der Gewöhnung. Immerhin kann Zeitungslesern dann beim Umblättern nicht mehr die halbe Seite einreißen und nach hinten knicken. Andererseits gibt es im E-Paper-Zeitalter keine Lösung für Frühstücks-Fragen wie: „Schatz, gibst du mir bittemal den Lokalteil?“ Und jedes elektronische Lesegerät benötigt Strom – die Akkulaufzeit dürfte maßgeblich für den Erfolg digitaler Lesegeräte sein. Andererseits ist die Technik bereits weit in den Lese- und Schreiballtag vorgedrungen. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2008 kommunizieren mehr als die Hälfte aller Deutschen regelmäßig per E-Mail. Tendenz: steigend. Elektronische Post wird am Computer getippt und auch dort gelesen.

Lesen hat Zukunft
Sicher scheint, dass wir künftig auf vielfältigeren Medien als heute lesen werden. Es wird dieWerke Ihres Lieblingsautors zusätzlich zur gebundenen Ausgabe digital geben, als elektronischen Text wie auch als Hörbuch. Die gute Nachricht: Sie haben dieWahl zwischen E-Paper und Buch. Auch bei digitalen Informationsangeboten aus dem Internet gilt es zu entscheiden, welchem Anbieter Sie vertrauen. Oft wird es wie bisher die Lokalzeitung sein. Vielleicht aber eben deren Digital- statt Papierausgabe. Kein Experte zweifelt indes daran, dass weiterhin spannende Romane erscheinen werden, die wir oder unsere Kinder und Enkel verschlingen. Andererseits geht laut Bodo Franzmann „die Schere zwischen Lesern und Nicht-Lesern immer weiter auf. Wer gerne liest, wird immer mehr lesen, während die Zahl der Nicht-Leser konstant bleibt oder leicht anwächst.“ Immerhin wurde in den letzten Jahren erkannt, dass Lesen eine Grundfertigkeit für jede Art von Bildung ist. Die Leseförderung hat seitdem einen höheren Stellenwert gewonnen. Erste Erfolge zeigen die Ergebnisse der PISA-Studie von 2006, in denen deutsche Schüler sich vor allem in der Disziplin „Lesen“ gegenüber dem Jahr 2000 deutlich verbesserten.

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