Der estnische Verteidigungsminister Jaak Aaviksoo starrte ungläubig die Fehlermeldung auf seinem Bildschirm an: Die Website von Postimees, der führenden Tageszeitung des Landes, war offline. Er versuchte andere Nachrichtenportale aufzurufen. Auch sie waren nicht erreichbar.

Ein Referent kam hereingestürzt, um ihm Bericht zu erstatten: Nicht nur die Zeitungen waren betroffen, auch die Verbindungen zwischen den Regierungsbehörden seien gekappt worden. Die führende Bank des Landes befand sich im Ausnahmezustand. Die Websites der Regierung und die Kommunikationsnetze der Polizei waren allesamt gestört, und die Geldautomaten funktionierten nicht mehr.

Estland war Opfer eines böswilligen Angriffs geworden. Ein sogenanntes Botnet, ein ferngesteuertes Roboternetzwerk gekaperter Computer, war über die am wenigsten geschützte Grenze — das Internet — ins Land eingedrungen. Aaviksoo wurde schnell klar: "Der Angriff richtete sich gegen die lebenswichtige elektronische Infrastruktur der Republik Estland“, erklärte er später. "Es war das erste Mal, dass ein Botnet die Sicherheit einer ganzen Nation bedrohte.“ Willkommen im Web War One, dem ersten Internet-Krieg.

Denkmal demontiert

Auslöser des digitalen Angriffs war ein Vorfall, der sich am Vortag ereignet hatte. Am 27. April 2007 ließ die estnische Regierung eine zwei Meter hohe Bronzestatue im Zentrum der Hauptstadt Tallinn demontieren. Die Sowjetunion hatte das Denkmal 1947, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zur Erinnerung an ihre Kriegs­toten errichten lassen. Dann besetzten die Russen das kleine Land, und unzählige Esten wurden nach Sibirien deportiert. 16 Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit wagte Estland es, das Denkmal — unter Miss­ach­tung aller Proteste der russischen Regierung — auf einen Militärfriedhof am Stadtrand zu ver­legen.

Bereits vor der Demontage war es in den Straßen von Tallinn zu Gewaltausbrüchen gekommen. Mehr als tausend Randalierer, überwiegend Angehörige der russischen Minderheit, die ein Viertel der Bevölkerung des Landes ausmacht, schlugen Schaufensterscheiben ein, kippten Autos um und be­warfen die Bereitschaftspolizei mit Steinen. Als diese Unruhen abflauten, begann sich eine neue, digitale Aggression im Land auszubreiten.

Während Verteidigungsminister Aaviksoo bei einem Treffen mit seinen Regierungskollegen über mögliche Abwehrmaßnahmen gegen den Botnet-Angriff beriet, stellte Ago Väärsi, Leiter der IT-Abteilung von Postimees, besorgt fest, dass die Server der Zeitung von 2,3 Millionen Seitenaufrufen überschwemmt wurden und bereits 20-mal zusammengebrochen waren. Auf einem Flachbildschirm an der Wand seines Büros konnte Väärsi den Bandbreitenverbrauch — den bei der Zeitung ankommenden Datenverkehr — verfolgen. Normalerweise lag das Verkehrsaufkommen im grünen Bereich und ließ 20 bis 30 Prozent Kapazität frei. Inzwischen jedoch fiel der Wert immer weiter ab. Sollte er auf null fallen, wäre die Website nicht mehr erreichbar.

In Estland, das manchmal scherzhaft E-stonia (E von elektronisch und Stonia von Estonia, englisch für Estland) genannt wird und das am stärks­ten vernetzte Land Europas ist, hat ein solcher Angriff verheerende Folgen. Etwa 40 Prozent der 1,3 Millionen Es­ten lesen täglich online Zeitung. Die meisten Bankgeschäfte werden elek­tronisch abgewickelt, und die Bürger geben bei Wahlen ihre Stimme per Klick im Internet ab.

Das Land verfügt zudem über ein flächendeckendes Wi-Fi-Netz (Wireless Fidelity) für den kostenfreien Drahtloszugang zum Internet, und Handys können zum Bezahlen verwendet werden. Der Internettelefonie- Anbieter Skype gewinnt von seiner Zentrale am Stadtrand von Tallinn aus immer mehr Bedeutung für den weltweiten Telefonverkehr. Eines Tages wird der Rest der Welt genauso engmaschig vernetzt sein wie der kleine Ostseestaat.

Inzwischen spitzte sich die Situation bei Postimees dramatisch zu. Automatische Computerprogramme überfluteten die Kommentarseiten mit Beiträgen und schafften es, die Serverprozessoren zu überfordern. Väärsi fand heraus, dass die Angreifer durch ständiges Anpassen ihrer Serveranfragen die von ihm programmierten Filter umgehen konnten. Wer auch immer hinter den Angriffen stand – er war technisch versiert und schnell.

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