Kinder des Glücks
Rick Kelly wurde als kleiner Junge misshandelt. Ein liebevolles Ehepaar nahm ihn auf.
Rick Kelly war schon lange bei seinen Pflegeeltern Jon und Candy White ausgezogen, besuchte sie aber oft. An diesem Nachmittag wollte er sich von Christian verabschieden, der die letzten beiden Jahre als Pflegekind in der Obhut der Whites verbracht hatte. Als der Junge zu ihnen gekommen war, war er ein aufgedrehtes Bürschchen.
Inzwischen war Christian viel ruhiger geworden und hatte sich zu einem pfiffigen, sportlichen Fünfjährigen entwickelt. Nun sollte er von einem Ehepaar mit einem kleinen Mädchen adoptiert werden. Aufgeregt zappelte er auf dem Autositz der Adoptiveltern – bereit für die Fahrt in ein neues Leben.
Rick zauste Christians Haar durchs offene Fenster. „Denk daran, wir haben dich lieb.“ „Ich euch auch“, piepste Christian fröhlich. Rick stand mit Jon und Candy am Bordstein und winkte.
Christian war bei den Whites in St. Petersburg in Florida gelandet, nachdem zwei andere Pflegefamilien das Handtuch geworfen hatten: Er war ihnen zu zornig, zu ungezügelt. Wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging, schlug er wild um sich und schrie stundenlang. Der Junge hatte allen Grund, wütend zu sein. Er war in amtlicher Pflege, seit ihn die Polizei samt seiner vier Brüder und Schwestern – alle unter zehn – beim Streunen auf dem Parkplatz eines schäbigen Motels aufgegriffen hatte.
Seine drogensüchtige Mutter war wegen kleinerer Vergehen vorbestraft. Sie stritt sich laut in einem Zimmer mit ihrem Freund, der in einem Wutanfall ihre Autofenster zertrümmert hatte. Christians bloße Füße bluteten infolge der Scherbenschnitte. Die Whites hatten zwar Erfahrung im Umgang mit misshandelten Kindern, doch eines wie Christian hatten sie noch selten erlebt.
Einmal trat er mit solcher Wucht gegen die Wand seines Schlafzimmers, dass der Rauchmelder herab fiel. Rick Kelly war einer der wenigen, die an den Jungen herankamen. Genau wie Christian hatte Rick eine schlimme Kindheit erlebt. Er war am 16. Geburtstag seiner Mutter als erstes von neun Kindern zur Welt gekommen. Seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen, obwohl in dem Wohnwagen in Zentralflorida, in dem Rick seine frühen Kindheitsjahre verbrachte, viele fremde Männer ein und ausgingen.
Seine Mutter war Alkoholikerin und psychisch krank; sie schlug ihn mit einem Gürtel, verbrannte ihn mit Zigaretten und ernährte ihn mit Bier. Als er sieben war, gab sie ihm einen Briefumschlag mit der Adresse ihrer Eltern und setzte ihn in einen Überlandbus. Als er den Umschlag öffnete und einen Abschiedsbrief fand, alarmierte er den Fahrer. Die Polizei fand Ricks Mutter mit einer Überdosis Tabletten halb tot auf. Sie überlebte, doch der Junge blieb bei seinen Großeltern in einer Seniorensiedlung bei St. Petersburg.
Rick sah seine Mutter jahrelang nicht und verlor sie schließlich aus den Augen. Seine Großeltern hatten viel Mühe mit dem Jungen, insbesondere als er in die Pubertät kam. „Ich war kaum zu bändigen“, erinnert er sich. „Ein Raufbold – kein Schläger, aber ich gab nie nach.“ Er sprang von Brücken und fahrenden Autos, unternahm heimliche Streifzüge mit Freunden. Ricks Großeltern fragten die Lehrer der Sonntagsschule, wie sie ihn auf der Boys Ranch, einer Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche, unterbringen könnten.
Die Lehrer waren Jon und Candy White. Sie boten an, Rick stattdessen bei sich aufzunehmen. Die Whites hatten 1970 erstmals Pflegekinder aufgenommen, nachdem Candy ihrem Mann erzählt hatte, wie sehr sie die amerikanische Romanautorin Pearl S. Buck wegen ihres Einsatzes für chinesische Waisenkinder verehrte. Jon begann damals gerade seine Karriere als Ingenieur. Candy war Hausfrau und kümmerte sich um ihren ersten Sohn. Sie bekamen noch drei Kinder, adoptierten vier fremde und nahmen Hunderte anderer für ein paar Tage bis zu mehreren Jahren in Pflege. Einige ihrer Schützlinge hatten gesundheitliche Probleme, andere waren misshandelt oder vernachlässigt worden oder einfach unerwünscht.
„Wer bei uns lebt“, sagten Candy und Jon, „ist nicht einfach ein Pflegekind. Er ist unser Kind.“ Rick kam kurz nach seinem 14. Geburtstag zu den Whites. Er gehörte von Anfang an zu den Rabauken unter ihren Pflegekindern. Auf Partys betrank er sich, und von der Schule kam er mit blau geschlagenen Augen heim. Als er einmal vom Hausdach in den Swimmingpool sprang, brach die Stützkonstruktion zusammen, und der Inhalt ergoss sich bis ins Wohnzimmer. Doch seine Pflegeeltern, die er Mama und Papa nannte, erkannten seine guten Seiten und ließen ihn das auch wissen.
„Er war großzügig, gutmütig und lustig“, sagt die heute 63-jährige Candy. „Und ein harter Arbeiter – wenn die Arbeit nach seinem Geschmack war.“ Rick wiederum liebte seine neue Familie.
„Mamas Stärke war ihr Einfühlungsvermögen, und Papa hatte eine pädagogische Ader“, erinnert er sich. „Es war ein herzliches, liebevolles Zuhause. Laut, etwas chaotisch, aber mit einem Sinn für Ordnung. “Mithilfe der Whites lernte er, seine Aggressionen beim Football und beim Ringen abzureagieren, den Alkoholkonsum zu steuern und Autorität zu respektieren. Er machte seinen Highschool-Abschluss und trat in die US-Army ein. Nach vier Jahren Militärdienst versuchte sich Rick in diversen Berufen, vom Streifenpolizisten bis zum Geschäftsführer. Mit Frauen hatte er weniger Glück.
Er konnte nie eine dauerhafte Beziehung aufbauen. Eigene Kinder blieben ihm versagt, bis seine dritte Frau schwanger wurde, aber eine Fehlgeburt erlitt. 2005, als er 44 wurde, zerbrach diese Ehe.
Eines Nachmittags in jenem Sommer hielt Rick vor dem Haus der Whites und sah einen kleinen Jungen. Es war Christian. Sie begrüßten sich, und Rick ging in die Küche. Candy machte gerade das Abendessen für die sechs Kinder. Während sich die Erwachsenen unterhielten, umschlang Christian Ricks Knie und fragte ihn, ob er ein Schwimmbad habe.
„Ja, ich hab’ eins“, antwortete Rick. „Dann komm’ ich mit zu dir“, sagte Christian. Rick arbeitete damals als Filialleiter in einem Baustoff betrieb ,Christian ging ihm nicht aus dem Sinn. Er war nicht der Erste, der ihn mochte. Doch Rick empfand eine eigenartige Nähe zu dem Knirps – als sei er einem früheren Abbild seiner selbst begegnet. Am nächsten Tag rief er Candy an, um sie über den Jungen zu befragen.
Sie erzählte ihm Christians Lebensgeschichte – dass er regelmäßig geschlagen und total vernachlässigt worden sei. Er könne bezaubernd und sehr anhänglich sein, und manchmal sei er von rastloser Energie erfüllt. Seine Wutanfälle gehörten zu den schlimmsten, die sie je erlebt habe.
„Ich weiß nicht so recht, was ich mit ihm machen soll“, bekannte sie. „Vielleicht könnte ich ihn ab und zu abholen und mit ihm ganz allein etwas unternehmen“, bot Rick an.
Er besuchte Christian nun alle paar Wochen. Sie fuhren Kajak, sahen Baseballspiele an oder besuchten Ligaspiele seiner Pflegegeschwister. Rick ließ den Jungen auf seine Schultern klettern und über seinen rasierten Kopf streichen, war aber auch energisch, wenn Christian einen Wutanfall bekam.
„Ich verstand seinen Zorn“, erinnert sich Rick, „und mir war klar, er brauchte eine feste Hand. Manchmal trat er um sich und schrie. Dann brachte ich ihn in sein Zimmer und schloss die Tür.“ Christian sprach gut auf Ricks Fürsorge an. Er freute sich auf die Besuche. Rick dachte daran, Christians Vater zu werden, doch das erschien ihm unmöglich nach seiner Scheidung. Er hatte noch nie gehört, dass ein unverheirateter Mann Adoptivvater werden konnte. Als 2007 ein Ehepaar Christian adoptieren wollte, sagte er sich, es sei das Beste für den Jungen.
Doch nach Monaten erfuhr Rick, dass Christian wieder in staatlicher Obhut war. Das Ehepaar hatte kapituliert. Rick war entsetzt. Würde er Christian allein aufziehen können? Würden die Behörden zustimmen? Wäre es fair gegenüber dem Jungen?
Er holte sich Rat bei den Whites, die keine Zweifel zu haben schienen. „Er wird dein Sohn“, sagte ihre Tochter Wendy immer wieder, als ob das klar auf der Hand liege. Rick hoffte, dass sie recht behalten würde. Zuerst musste Rick Christian wieder zu einem liebevollen und stabilen Zuhause verhelfen. Auf sein Drängen nahmen die Whites den Jungen erneut zu sich.
Rick durchlief inzwischen das langwierige Eignungsverfahren für eine Adoption einschließlich der Teilnahme an Elternkursen. „Ich erfuhr nichts, was ich nicht aus eigenem Erleben und Beobachten wusste“, sagt er. „Der Leiter des Programms erklärte, es sei das erste Mal, dass ein früheres Pflegekind ein Kind in Pflegeobhut adoptieren wolle. Das ist doch toll.“ Rick zog ins nahe Sarasota, um Christian jeden Tag besuchen zu können. Außerdem übernahm er das Training von Christians Baseballteam. Mit Stolz sah er, wie sich der Junge dank seines Talents zu einem erstklassigen Spieler entwickelte, obwohl seine Wutanfälle Rick immer wieder dazu zwangen, Christian vom Platz zu nehmen.
Eigentlich wollte Rick Christian allein großziehen, doch inzwischen traf er sich wieder mit einer Frau und hoffte, endlich die Richtige gefunden zu haben. Die 43-jährige Norma Pitzer arbeitete bei einer Berufsgenossenschaft, war freundlich und pragmatisch. Sie hatte zwei Ehen – beide kinderlos – hinter sich und träumte seit Langem davon, ein Kind zu adoptieren.
Rückblickend sagt sie: „Als ich von Christian hörte, hatte ich das Gefühl, dass meine Beziehung zu Rick vorbestimmt war.“
Rick war jedoch der Meinung, dass er nur mit Christians Zustimmung eine feste Beziehung mit Norma eingehen sollte. Im November nahm Rick Norma in die Kirche mit, um sie der Familie vorzustellen, in der er aufgewachsen war. Christian lehnte den Kopf an Normas Arm und blieb so fast den ganzen Gottesdienst.
Rick fiel auf, dass er den Jungen noch nie so entspannt mit einer fremden Frau erlebt hatte – nicht einmal mit Candy. „Es wird wahrscheinlich keine Vergnügungsreise“, warnte Rick Norma anschließend. „Bist du bereit mitzukommen?“ – „Los geht’s!“, sagte sie. Auch Norma besuchte nun Elternkurse.
Im Juli 2008 mietete das Paar einen Bungalow mit Schwimmbad, nur eine halbe Stunde von den Whites entfernt. Bald danach bekam Rick die Erlaubnis, Christian an den Wochenenden zu sich zu nehmen. Im März 2009 zog Christian ganz ein. Im Juni fuhren er und Rick in Anzug und Krawatte mit Norma zum örtlichen Gericht. Die Whites mitsamt Großfamilie kamen dazu, um der richterlichen Unterzeichnung der endgültigen Adoptionspapiere beizuwohnen.
„Diese Verantwortung zu bekommen war für mich das Größte, was ich je erreicht hatte“, sagt Rick. Ein halbes Jahr später wurden Rick und Norma am Neujahrstag im Rahmen einer kleinen privaten Feier getraut.
Christian ist inzwischen acht Jahre alt, und auf dem Regal unter seinem Schlafzimmerfenster reihen sich die Siegerpokale. „Baseball ist mein liebster Sport, dann kommt Basketball“, sagt er. „Wollen Sie meine Medaille sehen?“ „Ich kann mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen Wutausbruch hatte“, sagt Rick. „Und wenn er einen hat, dauert er nur zehn Minuten.“
Christian wirke viel konzentrierter, stellt sein Vater fest, auf dem Spielfeld und im Unterricht. Er lacht, wenn sein zweijähriger Halbbruder Mikey durchs Wohnzimmer tapst, das voll von Familienfotos und Fanartikeln seines Baseballclubs ist. Als Christians Adoptionsverfahren kurz vor dem Abschluss stand, beschloss Rick nämlich, einen von Christians Halbbrüdern aufzunehmen. „Ich wollte, dass er mit mindestens einem seiner Brüder aufwächst“, sagt Rick.
Derzeit hat die Familie ein neues Problem: Unlängst verlor Rick infolge der Wirtschaftskrise seinen Job bei einer Transportfirma. Norma hat ihre Arbeit noch, aber das Geld ist knapp. Zum Glück helfen Familienangehörige und Freunde. Wenn Rick auf Arbeitssuche ist, hütet Candy stundenweise die Kinder bei sich zu Hause. „Sie und Papa waren immer so hilfsbereit und zuverlässig“, sagt Rick.
Das einzig Gute an seiner Arbeitslosigkeit ist, dass Rick mehr Zeit mit seinen Söhnen verbringen kann. Am Abend hilft er wie üblich Christian bei den Hausaufgaben, bevor er das Abendessen zubereitet. Dann lotst er beide in die Küche, wo am Kühlschrank Christians Urkunde „Bürger des Monats“ prangt, die er von seiner Schule für seine guten Noten und seine Hilfsbereitschaft bekommen hat.
„Es ist fantastisch, Vater zu sein. Der Tag mag anstrengend gewesen sein, manches ist sehr bedrückend. Doch dann schaust du deinem Kind vielleicht beim Sport oder Spielen zu, und alles andere ist vergessen.“
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