Zwei Jugendliche, 17 und 18 Jahre alt, erschlagen einen 50-Jährigen. Er hat sich schützend vor eine Gruppe von 13- bis 15-Jährigen gestellt, welche die beiden bedrohten. Die schreckliche Tat in München-Solln im September letzten Jahres schockierte die Nation – wieder einmal. Immer öfter, so scheint es, greifen Jugendliche zu brutaler Gewalt, oft aus nichtigem Anlass. Mit Entsetzen erinnern wir uns an die Attacke zweier junger Männer auf einen Rentner Ende 2007 ebenfalls in München, die dieser nur knapp überlebte. Mit Schaudern lesen wir, dass nun auch Mädchen zuschlagen – wie in Frankfurt im Herbst 2009.

Täuscht der Eindruck, oder sind Jugendliche heute wirklich gewaltbereiter? Was könnten die Gründe für eine solche Entwicklung sein? Um das herauszufinden, haben wir Experten befragt, in einer repräsentativen Umfrage die Meinung der Bevölkerung erhoben und mit dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße gesprochen.

Die polizeiliche Kriminalstatistik spricht eine deutliche Sprache: Verzeichnete sie 1998 noch 61 518 Körperverletzungen, bei denen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre der Tat verdächtig waren, so sind es zehn Jahre später bereits 87 345. Haben also die 81 Prozent der Menschen in Deutschland recht, die meinen, die Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen sei heute größer als vor zehn Jahren? Diese Zahl ist eines der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid in unserem Auftrag durchgeführt hat. „Die Jugendgewalt ist nicht so schlimm, wie sie manchmal von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird“, sagt Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und Experte in Sachen Jugendkriminalität. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass der seit 1998 polizeistatistisch registrierte Anstieg in beachtlichem Maß auf ein geändertes Anzeigeverhalten der Opfer zurückzuführen ist.“ Heute würde deutlich schneller angezeigt, vor allem, weil sich die Schulen der Polizei geöffnet haben und Direktoren nicht länger zögern, Polizeibeamte in die Klassen einzuladen. So entsteht eine Vertrauensbeziehung, die Früchte trägt. „Die Körperverletzungsdelikte jedoch haben in der Tat zugenommen“, fügt Pfeiffer hinzu.

48 Prozent der Menschen in Deutschland sind 
der Meinung, Jugendliche aus sozial schwächeren 
Familien seien gewalttätiger als andere

Wenn Jugendliche zuschlagen, sind häufig Altersgenossen die Opfer. Das könnte erklären, warum dieselben Befragten, die eine Steigerung der Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen konstatieren, sich selbst in ihrer Mehrheit noch nie von diesen bedroht gefühlt haben: Gerade die Ältesten – befragt wurden 1001 Personen im Alter ab 14 Jahren – sind zwar am häufigsten der Meinung, die Jugend von heute sei gewalttätiger als noch vor zehn Jahren. Zugleich fühlt diese Gruppe sich am wenigsten bedroht. Nur 10 Prozent der Generation 60 plus, aber 21 Prozent der 30- bis 39-Jährigen und 31 Prozent der 14- bis 29-Jährigen haben schon einmal vor Jugendlichen Angst gehabt. „Bei näherem Hinsehen ergibt sich weder eine Diskrepanz noch gar ein Widerspruch. Die Einschätzung der Gesamtsituation, wie sich Gewalt in unserer Gesellschaft entwickelt, erfolgt aufgrund der Eindrücke aus Printmedien und TV-Sendungen“, erklärt Professor Michael Walter, kürzlich emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Strafrecht der Universität Köln. „Dort haben die Berichte über Gewalt und insbesondere extreme Gewaltformen erheblich zugenommen. Gespiegelt wird gleichsam kein Anstieg der Gewalt, sondern der Anstieg der Berichterstattung.“

Jugendliche, die zuschlagen und treten und selbst dann nicht aufhören, wenn das Opfer bereits am Boden liegt. Wer trägt die Schuld, wenn Kinder und Jugendliche gewalttätig werden? In erster Linie die Eltern! So sehen es 83 Prozent der Befragten, die von steigender Jugendgewalt ausgehen. Sie nennen fehlende Zuwendung der Eltern als einen der Gründe für diesen Anstieg. „Früher gab die Gemeinschaft, die Familie den Kindern Halt“, meint Elisabeth Steiner, 79-jährige Rentnerin aus Berlin. „Ich denke, heute fehlt den Kindern und Jugendlichen das Zugehörigkeitsgefühl. Nur wer sich aufgehoben fühlt, kann sich gesund entwickeln.“ Auch die Experten nehmen die Eltern in die Pflicht – allerdings nicht ausschließlich. „Aggression und Gewalt sind häufig Ausdruck fehlender Konfliktlösestrategien“, erklärt Angela Ittel, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Technischen Universität Berlin. „Soziale Kompetenzen lernt man natürlich auch im Elternhaus. Trotzdem: Es sind sicher nicht allein die Eltern verantwortlich, wenn Jugendliche gewalttätig werden.“ Das sieht die Mehrheit derer, die von steigender Jugendgewalt ausgehen, genauso: 79 Prozent nennen gewaltverherrlichende Video- und Computerspiele als einen Grund für mehr Jugendgewalt. Für weitere 71 Prozent gehören Gewaltdarstellungen im Fernsehen ebenfalls zu den Auslösern. Eine Überzeugung, die der Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Professor Manfred Spitzer teilt. „Die Hirnforschung zeigt: Das, was wir immer wieder erleben, bleibt hängen. Unser Gehirn ist geradezu begierig darauf, immer Wiederkehrendes in sich aufzunehmen“, erläutert der Experte. „Erfahrungen, die wir machen, hinterlassen Spuren im Gehirn.“

Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche heute im Schnitt mehr Zeit vor dem TV- und Computerbildschirm als in der Schule verbringen, extrem bedenklich. „Ein Krimi macht niemanden kriminell“, sagt Spitzer. „Aber die Tausenden von Stunden medialer Gehirnwäsche, die wir unseren Kindern zumuten und bei der sie wieder und wieder die Erfahrung machen, dass es keine Alternative zur Gewalt gibt, sie nicht wehtut und der Täter davonkommt, müssen langfristig zu mehr Gewalt in der realen Welt führen – und sie tun es auch.“ Seine Warnung an alle Eltern: „Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen Konsum von Medien einerseits und Gewalt in der realen Welt andererseits.“ Macht eine Gewalttat Jugendlicher Schlagzeilen, wird fast schon reflexartig über härtere Strafen diskutiert. 57 Prozent derer, die über steigende Jugendgewalt besorgt sind, meinen, das Jugendstrafrecht wirke zu wenig abschreckend. „Wir leben in besonders schwierigen Umbruchzeiten, in denen die persönliche und soziale Identität durch ökonomische Bedrohungen und durch einen anscheinend unbeeinflussbaren Globalismus in Frage gestellt wird“, erklärt Professor Walter. „In solch unsicheren Zeiten wird mehr als sonst nach entschiedenem Durchgreifen gerufen. Für das Feld der Kriminalität bedeutet das die Forderung nach strengen Strafen und Abschreckung. Die suggerierte Gewaltlawine soll mit aller Macht gestoppt werden. Aber Gewalt gegen Gewalt ist bekanntlich nicht die beste Lösung.“

88 Prozent der deutschen Bevölkerung sind
überzeugt: Kinder und Jugendliche verbringen
heute zu viel Zeit vor dem Computer

Immer wieder entbrennt nach einschlägigen Straftaten, die von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen werden, die Diskussion um die Frage, ob diese Bevölkerungsgruppe gewaltbereiter sei als deutsche Jugend-liche. Volkes Stimme spricht eine klare Sprache: 76 Prozent derer, die von einer Zunahme der Jugendgewalt überzeugt sind, glauben, die mangelnde Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sei einer der Gründe dafür.

Was sagen die Experten? Professor Pfeiffer aus Hannover forscht seit Jahren zu diesem Thema. „Jugendliche mit Migrationshintergrund begehen in der Tat absolut gesehen häufiger Gewalttaten als deutsche Jugendliche“, erklärt er. So weist es auch die polizeiliche Kriminalstatistik aus. „Schaut man allerdings genauer hin und betrachtet Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund, die vergleichbare Familienstrukturen, Schullaufbahnen und soziale Rahmenbedingungen aufweisen, zeigt sich, dass dann kein Unterschied besteht“, sagt der Experte. „Die insgesamt deutlich höhere Gewalttäterquote von jungen Migranten beruht danach auf mehreren Belastungsfaktoren, die bei ihnen weit stärker ausgeprägt sind als bei deutschen Jugendlichen.“

Bei diesen Faktoren handle es sich vor allem um innerfamiliäre Gewalt, Alkohol- und Drogenkonsum und das Festhalten an gewaltorientierten Männlichkeitsnormen. Aber auch um Schuleschwänzen und den Konsum von Medieninhalten, die Gewalt darstellen. „Je besser Immigranten integriert sind, desto geringer ist die Gewaltrate“, ergänzt der Experte. „Frühere Förderung dieser Kinder, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund, das Thematisieren der problematischen Männlichkeitsnormen im Unterricht – all dies wären Schritte in die richtige Richtung.“ Einen Zusammenhang zwischen einem Mangel an Bildung und höherer Gewaltbereitschaft stellt auch die Mehrheit der Bevölkerung her: 48 Prozent sind der Meinung, Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien seien gewalttätiger als andere. 49 Prozent glauben, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund würden schneller zuschlagen, aber 54 Prozent sind davon überzeugt, dass ein Mangel an Bildung gewalttätiger mache. „Ich erlebe, wie manche Jugendliche herumpöbeln“, erzählt Fabian Michel, Auszubildender aus Mecklenburg-Vorpommern und selbst erst 19 Jahre alt. „Aber das ist abhängig von der sozialen Schicht, aus der sie stammen. Wenn das Elternhaus nicht stimmt, die Kinder keinen guten Schulabschluss haben und dann die finanziellen Mittel fehlen, steigt der Frust.“ Eine Schlussfolgerung, welche die Experten bestätigen. „Wir können beispielsweise aufzeigen, dass die Gewaltbereitschaft junger Migranten deutlich sinkt, wenn ihnen Bildungschancen angeboten werden“, sagt Professor Pfeiffer.

82 Prozent der 14- bis 29-Jährigen
meinen, Kinder und Jugendliche
seien heute oft zu frech oder vorlaut

Und noch eins sollte man nicht aus den Augen verlieren: Der Löwenanteil unserer Jugend trägt Streitigkeiten nicht mit Schlägen und Fußtritten aus. Tausende Jugendliche engagieren sich täglich in Vereinen und Initiativen, arbeiten an ihren Schul- oder Berufsabschlüssen und lösen dabei Probleme und Konflikte im Gespräch – und nicht mit den Fäusten!

Trotzdem hat die Jugend bei der Bevölkerungsmehrheit nicht den besten Ruf: Zu faul, zu wenig Initiative, zu frech oder vorlaut lautet das Urteil. Wer so denkt, dem sollte zu denken geben, dass schon Sokrates über die Jugend geklagt haben soll – und das im fünften Jahrhundert vor Christus! Die Jungen waren wohl schon immer schlimmer als ihre Eltern – zumindest will es den Eltern so scheinen.

 

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