In den Fängen des Bären
„Mama, schau mal, der Bär ist so lustig!“, quietscht die dreijährige Amber aufgeregt. Irene Maréchal-van der Voort, 31, die zwischen ihrer Tochter und dem sechsjährigen Björn steht, wirft einen Blick hinab. Knapp drei Meter unter ihnen läuft ein Kragenbär durch den flachen Wassergraben, der die Felslandschaft seines Geheges im Eifel-Zoo in Lünebach umgibt.
Es scheint Mike – so heißt der Bär – Spaß zu machen, mit seinen Tatzen im Wasser herumzuplanschen. Fasziniert beobachtet Björn neben seiner Mutter das Treiben des Raubtiers. Mit seinen runden Ohren, dem dichten pechschwarzen Fell und dem weißen V-förmigen Fleck auf der Brust sieht Mike aus wie der gemütliche Meister Petz aus dem Märchen.
Doch Kragenbären sind bekannt für ihre Aggressivität. In ihrem natürlichen Umfeld greifen sie auch unprovoziert Menschen an. Und dieser Bär, der vor 29 Jahren im Tierpark geboren wurde, wiegt um die 270 Kilo und misst stehend 1,80 Meter. Seine leicht gekrümmten, fünf Zentimeter langen Klauen und muskulösen Arme eignen sich perfekt dazu, auf Bäume zu klettern.
Und auch dazu, Beute zu machen. Nur drei Jahre zuvor hatte Hans Wallpott, der 80-jährige Betreiber des Zoos, gerade die tägliche Ration Obst ins Gehege geschüttet, als Mike seine Tatze durch die Gitterstäbe steckte. Wallpott wurde mit einem Ruck an seinem rechten Arm zurückgerissen. Das Raubtier ließ erst los, als ein Wärter ihm mit der Schaufel auf den Kopf schlug. Der Arm musste amputiert werden.
Am 18. August 2010, einem Mittwoch, strahlt die Sonne noch am Spätnachmittag von einem wolkenlosen Himmel. Träge suchen die Tiere des Eifel-Zoos im rheinland-pfälzischen Lünebach Zuflucht im Schatten. Wespen schwirren um die Abfalleimer am Rand der Fußwege, die sich durch die Anlage schlängeln.
Etwas weiter weg, am Präriehundgehege, wartet Roy van der Voort, 34, auf seine Familie. Er überlegt sich, wie sie wohl am besten zum Ausgang kommen. Die meisten Besucher haben den Tierpark bereits verlassen.
Das hügelige, dicht bewaldete Prümtal, etwa 40 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt, ist bei holländischen Touristen wie den van der Voorts aus Middelburg sehr beliebt. Irene, eine zierliche, fröhliche Röntgenassistentin, und Roy, ein schlanker, sportlicher Techniker beim niederländischen Ministerium für Wege- und Wasserbau, machen mit ihren Kindern gern Urlaub in ihrem Ferienbungalow.
Die Kinder wollten unbedingt in den Zoo. Am Morgen hatte Björn in der Werbebroschüre geblättert und freudestrahlend verkündet: „Da gibt es Panther und Tiger!“ Amber, ein kleines Energiebündel mit langen blonden Haaren, liebte Tiere. Pferde, Kühe, plüschige Meerschweinchen, alles, was vier Beine hat, konnte mit ihrer begeisterten Zuwendung rechnen. Voller Vorfreude hüpfte sie auf und ab. Nachdem belegte Brote, Getränke und Kamera im Auto verstaut waren, fuhr die Familie los.
Amber, die links neben ihrer Mutter steht, drückt ihr Gesicht gegen den 1,05 Meter hohen Maschendrahtzaun, der das Bärengehege umgibt. Er steht vor einem niedrigeren Geländer aus zwei Eisenrohren und einem Draht, der an überstehenden senkrechten Stangen befestigt ist. Für Erwachsene ist der Zaun ziemlich niedrig, entspricht aber den gesetzlichen Vorgaben für eine Tierparklizenz. Amber versperrt er jedoch die Sicht auf den Bären.
Während Irene den Kindern erklärt, wie Bären in der freien Natur leben, und kurz zu Björn schaut, steckt Amber die Füße in den Maschendraht. Mit vor Anstrengung rausgestreckter Zunge zieht sie sich noch ein Stück weiter hoch, um besser sehen zu können – und im Handumdrehen ist sie oben.
„Warum läuft der so komisch durchs Wasser?“, fragt Björn seine Mutter und deutet auf den Bären.
„Bären planschen eben gerne“, antwortet Irene, während sie sich zu ihrer knapp einen Meter entfernten Tochter umdreht. Ihre Blicke treffen sich. Da verliert Amber plötzlich das Gleichgewicht. Sie versucht, sich am Zaun festzuhalten, greift aber daneben. Fassungslos schaut sie zu ihrer Mutter, dann stürzt sie kopfüber in den Graben. Wie festgenagelt steht Irene da, ihr Herz rast. Sie will die Hände ausstrecken, kann sie aber nicht bewegen. Wie in Zeitlupe sieht sie ihre Tochter fallen.
Roy, der vom Präriehundgehege zum Bärengraben schlendert, hört plötzlich ein Platschen, danach den Schreckensschrei seiner Frau. Er rennt zum etwa 45 Meter entfernten Bärengehege.
Als er nach wenigen Sekunden ankommt, sieht er seine Tochter schreiend bis zur Taille im flachen Wasser des Bärengrabens stehen. Sie blutet am Kopf. Aufgeschreckt durch das Geräusch ist der Kragenbär zu ihr getrottet und hat sich knapp einen Meter vor ihr hingesetzt.
Roy denkt nicht lange nach. Er reagiert blitzschnell und wirft seine Umhängetasche über den Zaun, um das Raubtier abzulenken. Dann springt er mit einem Satz in den Graben.
Er kommt mit dem linken Fuß auf den Felsen auf und gibt Mike mit dem rechten unabsichtlich einen Tritt. Das dichte Fell des Tiers fühlt sich so kratzig an wie ein Besen, und sein durchdringender Geruch sticht Roy in die Nase.
Mike, der sich von Roys Tritt nicht aus der Ruhe bringen lässt, hält Amber inzwischen in einem Klammergriff und nimmt dem Vater die Sicht. Von hinten sieht dieser nur die dunkle Silhouette des Bären, der seinen Kopf geneigt hat, als ob er ihn auf den des kleinen Mädchens gelegt hätte. Speichel rinnt ihm aus dem Maul, und sein übel riechender Atem weht Amber ins Gesicht.
Instinktiv beginnt Roy Mike zu stoßen und zu schubsen, um ihn zu verjagen. Brummend und fauchend dreht sich der Bär um. Er schwenkt seine lange, mit schimmernden Zahnreihen bestückte Schnauze und beißt den Mann zweimal in beide Beine. Dann schwingt er seine Klauen nach ihm und ritzt seine Brust damit auf.
Trotz der schweren Verletzungen spürt Roy keinen Schmerz. Jetzt, da der Bär sich zu ihm umgedreht hat, kann er endlich seine Tochter sehen. Er springt los und bekommt sie zu fassen. „Papa!“, schluchzt Amber, als sie Roys Hals umklammert.
Irene ruft weiter laut um Hilfe, während sie die Wege um den Bärengraben absucht. Aber es ist niemand mehr in der Nähe, und sogar die Zoowärter sind anscheinend schon gegangen. Dann sieht sie, dass sich ihr Mann zu einer Mauer in einer Ecke des Grabens geflüchtet hat. Er hält Amber im Arm.
„Reich sie hoch!“, schreit Irene. Sie beugt sich über den Zaun, erreicht die Hände ihrer Tochter und zieht sie nach oben.
Irenes Hilferufe haben endlich doch noch jemanden erreicht. Ein deutscher Tourist mittleren Alters eilt herbei. Als er Roy in dem Graben entdeckt, wird er bleich. „Komm da raus!“, ruft Irene ihrem Mann zu, der verzweifelt versucht, sich an den Gitterstäben hochzuziehen. In einem Arm hält sie Amber, den anderen streckt sie Roy entgegen. Auch der Tourist beugt sich so weit er kann über den Zaun. Aber als Roy die ausgestreckten Hände fassen will, berührt er den Elektrozaun. Der Stromschlag schleudert ihn zurück ins Wasser.
Mike ist auf den Felshügel geklettert. Er brüllt und wird sichtlich immer nervöser. Doch Roy kümmert sich nicht mehr um das wenige Meter entfernte, gereizte Raubtier. „Ich muss hier raus“, an mehr kann er nicht denken, als er wieder auf den Beinen ist. Mit einem letzten, verzweifelten Ruck zieht er sich hoch und springt. Dann hieven Irene und der Tourist Roy über den Zaun. Geschafft!
Inzwischen haben die Frau und der 13-jährige Sohn des hilfsbereiten Mannes das Bärengehege erreicht. Der Junge nimmt sein Handy und wählt den Notruf, während seine Mutter völlig schockiert und in Tränen aufgelöst Irene anbietet, ihr die Tochter abzunehmen, damit sie sich um ihren Mann kümmern kann. Die schluchzende, blutende Amber wehrt sich nicht, als ihre Mutter sie der fremden Frau übergibt.
Beim Aufstehen merkt Roy, dass sein linker Fuß sein Gewicht nicht mehr tragen kann. Zitternd und schwankend legt er sich auf den Boden und keucht: „Habe ich alles richtig gemacht?“ Doch dann fällt er in einen Schockzustand. „Bleib wach!“, schreit Irene ihn an und gibt ihm eine kräftige Ohrfeige.
Unterdessen ist Claudia Müller, eine 38-jährige Kellnerin des Zoorestaurants, mit einer Hypothermiedecke für Roy am Unglücksort eingetroffen. Sie legt sie über ihn und bemerkt erst jetzt das kleine Mädchen. Amber hat die Augen weit aufgerissen. Sie schreit und schlägt um sich. Müller kniet neben ihr und versucht, sie zu trösten. Björn steht die ganze Zeit ein paar Meter weiter weg am Lamagehege und weint vor sich hin.
Sirenengeheul kommt näher, ein Streifenwagen hält an, wenige Augenblicke später auch ein Krankenwagen mit dem Notarzt Dr. Markus Kremer. Amber wird auf eine Trage gebettet und erhält eine Infusion. Obwohl die Wunde auf ihrem Kopf übel aussieht, stuft der Arzt ihren Zustand nicht als bedrohlich ein. „Prüm hat keine Kinderabteilung“, erklärt einer der Sanitäter. „Die Kleine muss nach Trier gebracht werden.“
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundigt sich ein anderer Sanitäter bei Roy. Der nickt tapfer. Der Fuß schmerzt sehr, doch die Sanitäter halten die Bisswunden an seinen Beinen für vordringlicher. „Ihre Tochter wird wieder“, beruhigt ihn Dr. Kremer. „Bleiben Sie einfach ganz still liegen.“
Per Hubschrauber werden Amber und Irene nach Trier in das etwa 70 Kilometer entfernte Mutterhaus-Klinikum geflogen. Die Verletzungen des Mädchens erweisen sich zum Glück als relativ leicht, es bleiben nur ein paar Narben zurück. Der Krankenwagen fährt Roy und Björn in das St. Joseph-Krankenhaus im nahen Prüm. Roys schlimmste Verletzung ist ein gebrochener Fuß.
Der hilfsbereite Tierparkbesucher und seine Familie legen keinen Wert auf Anerkennung für ihren Einsatz und wollen ihre Namen nicht in der Presse lesen. Die Betreiber des Eifel-Zoos haben inzwischen den Zaun des Bärengeheges ausgewechselt, sodass Kinder nicht mehr hochklettern können.
Irene und Roy, der im Juni 2011 mit einer Silbermedaille für selbstloses Handeln ausgezeichnet wurde, plädieren nicht dafür, dass Mike eingeschläfert wird. Es war sein Graben, in den Amber und ihr Vater gestürzt sind, und deshalb habe er sich artgerecht verhalten. Mike ist jetzt 29 – in Gefangenschaft werden Bären nicht viel älter – und darf die Zeit, die ihm bleibt, im Eifel-Zoo verbringen.
Roy van der Voort brauchte ein ganzes Jahr, um sich geistig und körperlich zu erholen. Er hatte sich bei seinem Sprung in den Bärengraben die Ferse gebrochen, aber er ist entschlossen, hart zu trainieren, um eine dauerhafte Behinderung zu vermeiden. Es war ein großer persönlicher Triumph für ihn, dass er am 15. Mai 2011 den 205 Kilometer langen Radmarathon in den Ardennen bis zum Ende mitfahren konnte.
Roy, Irene und die Kinder haben sich alle in Therapie begeben. Es liegt aber noch ein langer Weg vor ihnen. Björn zeichnet immer wieder Monster und stellt viele Fragen über den Schreckenstag. Amber fürchtet sich vor Tieren, das Mädchen hat sogar Angst vor Fliegen. Amber lernt aber allmählich wieder, ein Kaninchen zu streicheln. Sie verarbeitet das Erlebte, indem sie es immer wieder nachspielt.
Es war schwer, mit den psychischen Folgen des Unfalls zurechtzukommen. Immer wieder stellte sich Irene die Frage, ob sie in der Lage gewesen wäre, die Katastrophe zu verhindern. „Es war Schicksal“, sagt sie heute. „So etwas hätte auch bei aller Vorsicht und Besonnenheit passieren können.“
Viele, die Roy für sein Handeln loben, meinen, er habe reagiert wie andere Väter oder Mütter auch. Doch For-schungsergebnisse besagen, dass 85 Prozent der Menschen, die tatsächlich eine solche Situation erleben, vor Schreck wie gelähmt sind. Mehr denn je bemühen sich Roy und Irene, das Leben positiv zu sehen. Sie wissen, dass es schneller vorbei sein kann, als man denkt, und dass sie sich darauf konzentrieren müssen, ihre Träume zu verwirklichen. Ein Tagesausflug mit den Kindern ist zu etwas ganz Besonderem geworden. Es geht Schritt für Schritt voran.
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