Im Film kann ich alles, im Leben nichts
Vergöttert und verhasst wie kaum eine andere: Im Mai 1982 starb Filmlegende Romy Schneider. Ein Rückblick...
By PAUL BARZDie multiple Box-Galerie in Hamburg. An der Wand ein Porträtfoto im Großformat: das Antlitz einer Frau, nach vorne geneigt, eine Zigarette zwischen den Lippen, die Züge sanft umspielt vom Licht eines Streichholzes. „Ein unglaubliches Gesicht, nicht?“, sagt Galerist Siegfried Sander. Ja. Unglaublich fotogen. Eines der Gesichter, in die sich die Kamera vernarrt, wie in die Gesichter einer Bardot, Garbo, Monroe. Nur gibt es von denen auch scheußliche Fotos. Von Romy Schneider nicht. „Schande über unsere jungen Männer, wenn sie von diesem Mädchen nicht begeistert wären“, jauchzen Kritiker, als sie 1953 erstmals auf der Leinwand zu sehen ist – an der Seite von Mama Magda Schneider. Die hat die 15-jährige Klosterschülerin direkt in den Heimatfilm Wenn der weiße Flieder wieder blüht bugsiert. Stiefpapa Hans Herbert Blatzheim übernimmt dann zielstrebig das Management der Debütantin, doch auch ohne ihn wäre der Schritt in die Schauspielerei nur folgerichtig.
Die Großmama Rosa Albach-Retty eine Burgtheater-Heroine, der leibliche Vater Wolf Albach-Retty ein umschwärmter Leinwand-Bonvivant, die Mutter ein Star der 30er, über deren Hand sich auch Adolf Hitler gebeugt hat. Diese kleine politische Kompromittierung, mutmaßt der Filmhistoriker Michael Strauven, sei am Ende ein Grund für die erwachsene Romy gewesen, sich wie im Protest immer wieder in Rollen mit Dritte-Reichs-Hintergrund zu begeben, bis hin zu ihrem letzten Film Die Spaziergängerin von Sanssouci.
Doch zunächst sind da die 50er mit all ihren Verdrängungsmechanismen, in deren Kino- Traumwelt Romy Schneider hineinpasst wie keine andere. Hier, so erklärt die allgegenwärtige Frau Mama den Erfolg ihrer am 23. September 1938 in Wien geborenenTochter, „steht endlich einmal ein Geschöpf vor ihnen (den Menschen), das mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen ist“. In drei Filmen rund um Österreichs märchenhaft überhöhte Kaiserin Elisabeth gibt die junge Romy die geliebte Monarchin, in Unschuld, Pracht und Reifrock. Trümmer, verlorener Krieg? Vergessen, wenigstens ein paar Kinostunden lang. Das Publikum ist begeistert, vor allem die Erwachsenen, die „jungen Männer“ schon weniger. In ihnen rumoren bereits die rebellischen 60er, ihre Idole sind kess wie die kleine Conny Froboess, sexy wie Vera Tschechowa, aufmüpfig wie Karin Baal oder Sabine Sinjen. Mit dieser Zuckerpuppe können sie nichts anfangen. Eine hat das wohl verstanden: Romy Schneider selbst. Einen vierten „Sissi“-Film lehnt sie trotz des unglaublichen Gagenangebots von einer Million Mark vehement ab. Lieber wagt sie schon mal den einen oder anderen kleinen Aufstand gegen das Prinzesschen-Bild: als zwirbelzöpfiges Proletariermädchen in Robinson soll nicht sterben (1956) oder kokette kleine Französin in Monpti (1957), mit Horst Buchholz als Filmpartner, der so anders ist als sie -rotzig frech, ganz der Junge aus dem Berliner Hinterhof.
Einen vierten „Sissi“-Film lehnt sie ab – trotz einer Million Mark gebotener Gage
Genau dies scheint Romy zu gefallen. Schon munkelt man von einer privaten Beziehung. Die besorgten Eltern können sie noch unterbinden, nicht aber die mit Alain Delon, ihrem Filmpartner in Christine (1958). Der Franzose ist noch etwas frecher und markiger als der Schustersohn aus Berlin- Neukölln, und sie folgt ihm nach Paris. Die Zeichen stehen privat wie künstlerisch auf Neuanfang. Die hartnäckige Behauptung, erst die Beziehung zu Delon habe die Sissi- Karriere beendet, ist dennoch Legende. Romy Schneider dreht zwar anfänglich noch Schinken wie Die schöne Lügnerin (1959) oder Katja, die ungekrönte Kaiserin (1959), aber Kostümfilme ziehen einfach nicht mehr. „Opas Kino“, so der Kampfruf der jungen Filmemacher, „ist tot!“, und Romy ist nun mehr Feind- als Traumbild einer neuen Kino-Generation. Sie findet Verteidiger wie den großen alten Theatermann Fritz Kortner, der sie in seinen Lysistrata-Film holt, oder im Hamburger Theaterfürsten Gustaf Gründgens, der es einen „Skandal“ nennt, was „mit dieser entzückenden Romy Schneider“ passiert. Das Gros der Branche aber registriert nur, dass die Schneider nun „Kassengift“ ist, die letzten Anhänger der Schauspielerin sehen sie nach Frankreich entschwinden, eine „Abtrünnige“, verführt vom gallischen Gockel Delon, mit dem sie sich bald darauf verlobt. In Paris lernt Romy Schneider Orson Welles kennen, der sie in seiner Kafka-Verfilmung Der Prozess einsetzt. Sie begegnet dem Star-Regisseur Luchino Visconti, der im Episodenfilm Boccaccio 70 eine ganz neue, andere Romy zeigt, die Mondäne mit dem unversehrten Kern hinter der verruchten Fassade. Visconti ist es auch, der sie zu einer weiteren „Sissi“ überreden kann. Nicht zur verkitschten Märchenprinzessin, sondern in seinem Film über den Bayernkönig Ludwig II. zu einer historisch genaueren Kaiserin Elisabeth, die sie mit einer hämischen Bravour spielt, als wolle sie ihr Image von einst in kleine Stücke zerreißen.
Das ist 1972, und vieles liegt bereits hinter ihr: die Trennung von Delon nach Jahren der Dauerverlobung, ein neuer Mann, Harry Meyen, Berliner Theaterregisseur, herrenhaft und herrisch. An seiner Seite meint Romy allem Flitterruhm entsagen zu können, heiratet ihn 1966, wechselt nach Berlin über, bezieht eine Wohnung in Grunewald, gebiert ihren Sohn David, kuschelt sich ein in eine neue Bürgerlichkeit: „Die Romy damals“, erinnert sich Wohnungsnachbarin Sybille J., „die war eigentlich ganz unauffällig, bequem und lässig gekleidet in ihren kaftanartigen Gewändern.“ Brav sitzt sie in Premieren neben ihrem Mann, der sich inzwischen als Opernregisseur versucht, erträgt tapfer das sich über ihn ausschüttende Buh-Geheul. Harry Meyens Abstieg, erst beruflich, dann physisch mit Tabletten und Alkohol, hat bereits begonnen. Die Ehe zerbricht. In Frankreich, wo sie schon 1968 ein Comeback im Krimi Der Swimmingpool gefeiert hat, will Romy Schneider nochmals einen Anfang wagen. Dort, in Paris, sucht die Theaterfotografin Helga Kneidl sie 1973 auf, um sie für eine Illustrierte zu fotografieren. Aus den Aufnahmen soll Jahrzehnte später der Bildband Romy – Drei Tage im Mai (Lardon Media Verlag 2001) entstehen. Helga Kneidl erinnert sich: „Romy machte alles mit. Sie wirkte frisch, vergnügt, wie euphorisch.“ Und beweist keine Scheu vor der eigenen Vergangenheit: „Sie erzählte von Delon, zeigte mir, wo sie gewohnt hatten“, und im Café wurde sie wohl erkannt, beachtet, aber liebevoll, diskret: „Die Franzosen gehen mit ihren Stars dezenter um als wir ...“, sagt Kneidl. In München sind Romy Schneider kurz zuvor auf dem Flughafen die Fotografen noch fast bis auf die Toilette gefolgt. Vielleicht soll auch deshalb Frankreich erneut ihre Heimat werden. Von Deutschland kommt sie trotzdem nicht los. Noch einmal dort Erfolg haben, als ernsthafte, ernst genommene Schauspielerin! Sie möchte gern in der Heinrich- Böll-Verfilmung Die verlorene Ehre der Katharina Blum spielen, stattdessen wird es dann, 1976, ein anderer Böll- Film: Gruppenbild mit Dame. Vadim Glowna, ihr Leinwand-Ehemann, denkt voll Respekt an die Partnerin zurück: „Sehr diszipliniert, vom Text kannte sie jedes Komma.“ Sehr egozentrisch allerdings auch. Der Regisseur hat ganz für sie da zu sein, wie in Frankreich ihr Liebling Claude Sautet. Mit dem dreht sie dort ihre meisten (und besten) Filme, Erfolge wie Die Dinge des Lebens oder Das Mädchen und der Kommissar. Das Gruppenbild dagegen wird ein Flop. Keine deutsche Karriere mehr für die Sissi von einst! Dafür steigt sie in Frankreich ganz nach oben, erhält Preise, hetzt nahezu ohne Pause von Film zu Film, wie auf der Flucht, als wolle sie sich hinter immer neuen Rollenschicksalen verstecken.
Sie möchte noch einmal in Deutschland Erfolg haben, als ernsthafte Schauspielerin
„Einen Tag ist sie die wirbelige Französin, am nächsten die distanzierte Engländerin, dann wieder die kuschelige Wienerin“, hat einmal Ehemann Harry Meyen gestöhnt. Weiß sie selber, wann sie was ist? Am ehesten wohl, wenn sie eine Rolle spielt. Dann ist sie ganz da, präsent, voll Charme und Kraft. Und dahinter Dunkelheit. Leere. Lebensangst. Ein Rätsel wohl auch für sich selbst. Und dann die Tabletten, der Alkohol. Alles gegen das übermächtige, menschenfressende Lampenfieber: „‚Alle warten doch nur darauf, dass ich versage‘, hat sie einmal vor einer anstrengenden großen Szene gesagt“, erinnert sich Robert Lebeck, der sie 1976 bei den Gruppenbild-Dreharbeiten fotografiert und der ihr bis zu ihrem Tode nahestehen soll: „Sie mochte mich, weil ich sie nicht herumkommandierte, sondern sie so sein ließ, wie sie war.“ Lebeck erlebt die Aktrice als einen vertrauensvollen, auch vertrauensseligen Menschen, der sich aber beim geringsten Störgeräusch zurückzieht wie eine Schnecke in ihr Haus. 1981 sieht sie Lebeck in der Bretagne wieder. Er trifft auf eine andere, eine hysterisch aufgedrehte, sich in Lachkrämpfen schüttelnde Romy. Fürchterliches liegt hinter ihr: Harry Meyen ist 1979 im Freitod geendet, beider Sohn David beim Sprung über ein Gartengitter tödlich verunglückt, eine neue Ehe mit ihrem früheren Sekretär, dem wesentlich jüngeren Daniel Biasini, Vater ihrer Tochter Sarah, gescheitert. Böse Vergangenheit, traurige Gegenwart. Drückende Steuerschulden, die Gesundheit nach einer Nierenoperation angeschlagen. Da flüchtet sich Romy Schneider hinter die Maske gespielter Fröhlichkeit. Im Hintergrund lächelt ein neuer Mann, Laurent Pétin, jung und hübsch. Sie selber? Nicht mehr ganz so jung, so hübsch. Die Haare werden dünn, die Falten tiefer. „Wenn ich fünfzig bin und völlig verlebt – wirst du mich dann noch nehmen?“, hat sie einmal Claude Sautet gefragt. Ihr Beruf ist ihr Halt und Hoffnung: „Im Film kann ich alles, im Leben nichts.“ Am Ende soll sie die Fünfzig gar nicht erreichen. Am 29. Mai 1982 stirbt die Schauspielerin 43-jährig an Herzversagen – kein tragischer Abschied, wie Robert Lebeck meint: „Sie schlief einfach ein, ohne Schmerzen.“ Und: „Vielleicht hat sie sich viel erspart.“
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