Für die Opfer da sein
Monika Hauser hilft den vergessenen Opfern: Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden. Darum hat Reader’s Digest sie zur Europäerin des Jahres 2011 gewählt.
Von Bosnien bis zum Kongo hat Monika Hauser den vergessenen Opfern geholfen: Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden. Als Reader´s Digest Europäerin des Jahres 2011 reiht sie sich in die Gruppe von Preisträgern ein, deren bewundernswerter Einsatz das Leben von Menschen verändert hat.
Monika Hauser fällt es schwer, über die Gefahren zu sprechen, denen sie ausgesetzt ist. Sie hat sich für eine gefährliche Aufgabe entschieden. Ihre Organisation medica mondiale steht Vergewaltigungsopfern – sie selbst zieht das Wort „Überlebende“ vor – in den Kriegsgebieten der Welt bei.
Die in der Schweiz geborene Gynäkologin mit dem warmen Lächeln hat eine charmante, wenn auch ernste Art. Lob weist sie zurück, das gibt sie weiter an die Überlebenden und an die mutigen Mitarbeiter von medica mondiale in den weit verstreuten Regionen der Erde – auf dem Balkan, in Afghanistan, in Liberia und im Kongo.
Monika Hauser besucht alle diese gefährlichen Orte regelmäßig. Wir treffen sie allerdings in der unscheinbaren Kölner Zentrale der Organisation in der Nähe des Doms. Mit ihren 51 Jahren strahlt sie eine jugendliche Leidenschaft für ihre Arbeit aus. Ihre eigene Rolle spielt sie herunter. Unter welchem Druck sie steht, erfahre ich, als ich nach ihrem 14-jährigen Sohn Luca frage.
„Meinen Sohn verbindet eine Art Hassliebe mit meiner Arbeit“, gesteht sie. „Als ich vor Kurzem nach Afghanistan fuhr, sammelte er in seiner Schulklasse 20 Euro für die Mädchen in Kabul. Doch gleichzeitig sagte er: ‚Ich hasse deine Arbeit – sie ist so gefährlich.‘ Aber er versteht es mehr und mehr.“
Monika Hausers Einsatz ist ein sehr persönlicher. Ihr Leben als Aktivistin begann Ende 1992, als in den Medien über unvorstellbare Gräueltaten während des Balkankriegs berichtet wurde. Wut und Bestürzung empfand sie vor allem angesichts Tausender unschuldiger Frauen, die offenbar als Teil einer „ethnischen Säuberung“ von Männern vergewaltigt wurden, die in die Gefechte verwickelt waren. Hauser nennt diese Frauen die vergessenen Kriegsopfer.
Sie erfuhr von vielen überwiegend muslimischen Flüchtlingsfrauen, die in die zentralbosnische Industriestadt Zenica gekommen waren und die brutale Vergewaltigungen schilderten, hauptsächlich verübt von serbischen Soldaten. „Ich erkannte, dass ich etwas tun musste. Ich fühlte es einfach. Ich wusste, dass diese Frauen einen Ort der Einfühlsamkeit brauchten, wohin sie gehen konnten.“
Hauser gab ihre Stelle an einem Kölner Krankenhaus auf und fuhr nach Zenica – eine nervenaufreibende Reise durch Kampfgebiete. Dort baute sie 1993 ein Therapiezentrum für Frauen auf, das sie medica zenica nannte, und bot medizinische und psychologische Hilfe für Flüchtlingsfrauen an. Sie gewann 20 bosnische Ärztinnen, Psychologinnen und Krankenschwestern zur Mitarbeit und erreichte sogar, dass das deutsche Außen-ministerium ihre Arbeit finanziell unterstützte.
„Die Frauen und Mädchen, die zu dem Zentrum kamen, waren durch Vergewaltigungen schwer traumatisiert, oft durch tage- oder wochenlange Massenvergewaltigungen“, berichtet Hauser. „Sie litten unter Albträumen, Panikattacken und körperlichen Schmerzen. Schamgefühle und die Tabuisierung von Vergewaltigung machten es diesen Frauen schwer, ihre furchtbaren Traumata zu verarbeiten. Statt Schutz und Unterstützung erfuhren viele eine soziale Ausgrenzung und Diskriminierung.“
Trotz ihrer Erfolge hatte Hauser auch Phasen, in denen sie sich kraftlos fühlte. Während einer Fahrt mit einem Linienbus nach Bosnien – nach einer Spendensammelaktion in Deutschland – zwang eine kroatische Miliz die Fahrgäste auszusteigen und teilte sie in zwei Gruppen auf: Kroaten und Ausländer auf die rechte Seite, Muslime auf die linke. Monika Hauser musste unwillkürlich an die Selektionsrampen des einstigen Konzentrationslagers Auschwitz denken.
Vergebens versuchte sie, sich dem Anführer zu widersetzen. Sie nahm die Hand eines verzweifelten muslimischen Mädchens namens Amna und zog es zu einem wartenden kroatischen Bus. Sie konnte das Mädchen retten, aber die anderen musste sie zurücklassen. Als Monika Hauser mit Amna im Hafen der Küstenstadt Split angekommen war, alarmierte sie das Internationale Rote Kreuz.
Später wurde bekannt, dass die muslimischen Fahrgäste in ein Lager gebracht und einige Frauen dort vergewaltigt worden waren. „Ich fühle mich noch immer schuldig deshalb“, berichtet Monika Hauser.
Ihr Sohn Luca wurde drei Jahre nach dem Krieg geboren, kurz nachdem ihr Ehemann Klaus-Peter, Kameramann beim WDR in Köln, begonnen hatte, in Teilzeit zu arbeiten, damit seine Frau ihre Arbeit besser bewältigen konnte. Ende der 90er-Jahre gründete sie wegen der sexuellen Gewalt während des Kosovo-Krieges ein Beratungs- und Ambulanz-Zentrum im Südwesten der Stadt Gjakova. Im Jahr 2000 kam ein Therapiezentrum in der albanischen Hauptstadt Tirana hinzu.
Im Jahr 2002 wurden ein weiteres Zentrum in der afghanischen Hauptstadt Kabul und Verbindungen zu Hilfsgruppen in Liberia und dem Kongo aufgebaut. Es gibt keine offiziellen Statistiken, aber man schätzt, dass zwischen 70 000 und 100 000 Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen oder anderen schweren Gewaltverbrechen wurden, durch Hausers Organisation geholfen wurde. Frauen aus vielen Ländern bezeugen zudem, dass sich ihr Leben dank der engagierten Gynäkologin und ihres Netzwerks verändert hat.
Bis heute ist medica mondiale eine reine Frauenorganisation. Außer den Wachen und Fahrern sind alle Mitarbeiter Frauen.
Das Hilfsangebot ist gewachsen. Neben medizinischer und psychologischer Hilfe wird auch rechtliche Beratung angeboten. Und man unterstützt die Frauen dabei, finanziell unabhängig zu werden.
Hausers Entscheidung, ihre Karriere als Ärztin aufzugeben und sich um die Bedürfnisse leidender Frauen zu kümmern, entstand nicht aus einer spontanen Idee. Rückblickend glaubt sie, dass sie sich unbewusst bereits in jungen Jahren auf einen solchen Schritt vorbereitet hat.
Sie wurde in Thal, einer Kleinstadt im Schweizer Kanton St. Gallen, geboren. Ihr Vater war Schneider. Ihre Mutter zog sie mit ihren Erzählungen über die von Mädchen und Frauen im Zweiten Weltkrieg ertragene Gewalt in ihren Bann. Als Erwachsene hatte sie dann zwei Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz getroffen. Danach begann sie, über den Holocaust zu lesen.
Monika Hauser hat Medizin studiert und dann als Assistenzärztin in einem Krankenhaus in Südtirol gearbeitet, wo sie hilfreiche Erfahrungen machte: „Ich hatte viele Patientinnen, Bauersfrauen aus den Bergen. Und ich stellte fest, dass physische und sexuelle Gewalt durch ihre Männer oder Arbeiter zu ihrem täglichen Leben gehörte“, erzählt sie. „Ich merkte auch, dass man in diesem Krankenhaus nicht darüber sprechen wollte. Ich galt als Querulantin.“
Anschließend arbeitete sie in Deutschland, wo sie auf eine ähnliche Einstellung traf, wenn sie die gefühllose Behandlung von Frauen ansprach. In einem Krankenhaus wurde sie die „Rote Hexe“ genannt. „Ich wollte diese Frauen als Individuen unterstützen, aber auch die Einstellung in den Krankenhäusern verändern.“
Die von Männern geführt wurden?
„Natürlich.“
Durch ihre Krankenhauserfahrungen war sie – schon lange vor der Bosnien-Krise – davon überzeugt, dass Hilfe für Frauen, die eine Vergewaltigung überlebt haben, von einer Kampagne begleitet wurden muss, um dadurch die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung zu ändern.
Die Vergewaltigung von Frauen während eines Kriegs ist ein hinreichend belegtes historisches Phänomen. Aber Hauser akzeptiert nicht, dass es als ein Verhalten junger potenter Soldaten gesehen wird, denen normale sexuelle Aktivitäten verwehrt wurden. Ihrer Meinung nach haben Ver-gewaltigung und sexuelle Gewalt in Kriegszeiten dieselbe Ursache wie Vergewaltigungen innerhalb einer Familie oder einer Gemeinschaft: nämlich eine patriarchale Gesellschaft, die sich auf männliche Herrschaft gründet.
Die Arbeit von medica mondiale, darauf besteht sie, hört nicht mit dem Ende von Feindseligkeiten auf: „Natürlich ist Vergewaltigung während eines Kriegs unvorstellbar schrecklich, aber sie passiert ja nicht unvermittelt. Sexuelle Gewalt gegen Frauen findet vor, während und nach Kriegen statt. Häufig werden Frauen in der Nachkriegszeit schlechter behandelt als während des Kriegs. Nach allen Kriegen nimmt die Gewalt gegen Frauen sogar zu. Für eine afghanische Frau sind heute nicht Vergewaltigungen im Krieg das Hauptproblem, sondern ein Vater, der von seiner Tochter verlangt, einen 20 Jahre älteren Mann zu heiraten. Oder es ist der Ehemann, der sie schlägt und vergewaltigt.“
Auf dem Papier, räumt Hauser ein, gibt es Fortschritte. Internationale Gesetze legen fest, dass Vergewaltigung als Kriegstaktik ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ein Kriegsverbrechen ist – aber es gab nur eine einzige erfolgreiche Strafverfolgung im Jahr 2001, als das jugoslawische Kriegsverbrechertribunal in Den Haag drei bosnische Serben wegen systematischer Vergewaltigung verurteilte. Bei den meisten Konflikten – die Gefechte im Ostkongo sind der jüngste und auch einer der blutigsten – bleiben die vielen Tausend Männer, die sich der grausamen, mehrfachen Vergewaltigung schuldig gemacht haben, unbestraft. „Das Gesetz existiert, aber der politische Wille fehlt“, sagt Monika Hauser.
Sie fragt, weshalb europäische Politiker nichts tun, um die Situation in der Demokratischen Republik Kongo zu verändern. „Es wäre so einfach. Die europäischen Länder sind die Geldgeber. Also kann mir doch niemand erzählen, dass sie keinen Einfluss
haben.“
haben.“
Hauser sieht jetzt ihre Hauptaufgabe darin, die Kluft zwischen männlicher politischer Rhetorik über Vergewaltigung und der grausamen Realität vor Ort zu schließen. Aus diesem Grund reist sie zu Konferenzen in der ganzen Welt, um über dieses Thema auf Deutsch, Englisch und Französisch zu sprechen, während sie darüber hinaus nach wie vor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation, die in den Krisengebieten tätig sind, weiterbildet und ermutigt.
Es ist ein langer und unglaublich harter Weg, aber es gibt auf diesem Weg auch Ermutigendes. „Als ich vor Kurzem ein Projekt in Zenica besuchte, das ich ins Leben gerufen habe, kam eine Frau auf mich zu und sagte: ‚Monika, kennst du mich nicht mehr?‘
Ich erkannte sie zuerst nicht; sie war eine der ersten Frauen, um die wir uns 1993 gekümmert haben. Sie war damals gerade aus Ostbosnien geflüchtet, wo sie grausam vergewaltigt worden war. Sie war selbstmord-gefährdet, wollte nicht mehr leben. Wir unterstützten sie. Sie fand langsam wieder ins Leben zurück, wurde wieder mit ihren Kindern zusammengebracht und kehrte schließlich in ihr Heimatdorf zurück.
Sie ist eine schöne Frau, stolz und würdevoll. Sie erzählte mir, dass sie eine Gruppe in ihrem Dorf aufgebaut hat, die andere Frauen unterstützt. ‚Medica zenica hat mir geholfen weiterzuleben‘, sagte sie mir‚ ‚und jetzt fühle ich, dass ich anderen Frauen
etwas davon weitergeben muss.‘“
etwas davon weitergeben muss.‘“
Reader’s Digest Europäer des Jahres
15 Frauen und Männer haben den Preis seit seiner Einführung im Jahr 1996 erhalten. Sie wurden gebeten, einen Kandidaten für den Preis 2011 zu nominieren. Ein Gremium bestehend aus Reader’s Digest-Chefredakteuren traf dann die Entscheidung.
2010: Iana Mattei, Rumänien
Einsatz gegen Menschenhandel
2009: Joachim Franz, Deutschland
Sportler & Aktivist gegen Aids
2008: Maria Nowak, Frankreich
Hilfe durch Kleinkredite
2007: Dr. Ruedi Lüthy, Schweiz
Schweizer Aids-Spezialist in Zimbabwe
2006: Ayaan Hirsi Ali, Niederlande
Einsatz für Rechte muslimischer Frauen
2005: Dr. Leonid Roshal, Russland
Arzt beim Geiseldrama von Beslan
2004: Peter Eigen, Deutschland
Gründer von Transparency International
2003: Simon Pánek, Tschechien
Gründer von People in Need
2002: Eva Joly, Frankreich
Richterin im Skandal um Elf Aquitaine
2001: Linus B. Torvalds, Finnland
Software-Erfinder von Linux
2000: Paul van Buitenen, Niederlande
Aufdecker eines EU-Betrugs
1999: Dr. Inge Genefke, Dänemark
Ärztin, Kampf für Folteropfer
1998: Pete Goss, Großbritannien
Rettete Ertrinkenden bei einer Regatta
1997: Frederic Hauge, Norwegen
Aktivist gegen Atom-Müll
1996: Pater Imre Kozma, Ungarn
Einsatz für Obdachlose und alte
Menschen
Menschen
|
| ||||||
Kommentar abgeben
| Name* | |
| Email* | |
| Kommentar* | |

Mehr spannende Reportagen und Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt?
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!


Weitersagen



