Die schwere Tür fällt leise ins Schloss. Willkommen im Herzen der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH. Kein Handy, gedämpfter Lärm – das Kontrollzentrum der DFS in Langen unweit vom Rhein-Main-Flughafen Frankfurt. Ein Großraumbüro. Computer, Monitoren, Rechner und Drucker, so weit das Auge reicht. Davor sitzen die Fluglotsen, blicken auf ihre riesigen Schirme, machen Notizen. Wieder andere peitschen auf Englisch Wortfetzen stakkatohaft in Mikrofone. Aus allen Himmelsrichtungen ist Funksprechverkehr zu hören.
Kaffeeduft liegt in der Luft. Irgendwo zischt eine Sprudelflasche. Ob’s draußen regnet, ob die Sonne scheint? Hier drinnen sieht das niemand. Meist lässt nur der Wetterbericht auf dem Papier erahnen, wie die Welt jenseits dieser Mauern gerade aussieht.
Dieser Beruf ist sehr anstrengend, aber er macht Spaß.“ Fluglotsin Ulrike Münzer lehnt sich zurück. Sie hat Pause. Alle zwei Stunden ist das Vorschrift. Ausspannen von der Anspannung.
Auf ihrem Bildschirm laufen Punkte von links nach rechts, von oben nach unten. Und umgekehrt. Mal grün, mal weiß, mal andersfarbig. Alles Flugzeuge, kleine wie große. Mittendrin: die 41-jährige Herrin der Lüfte. Sie ist zuständig für ein paar Quadratkilometer deutschen Himmels. Was man für diesen Job braucht? „Konzentrationsfähigkeit, Weitblick, Ruhe, Flexibilität“, antwortet sie: „Was wir hier machen, ist wie Schachspielen.“
Allein, es ist kein Spiel, auch keine Simulation. Es ist der Alltag der Lotsen. Sie kontrollieren die Flugzeuge beim Start und bei der Landung. Und in der Luft. Sie sorgen dafür, dass die Maschinen auf den festgelegten Routen, in der richtigen Höhe und mit dem notwendigen Sicherheitsabstand unterwegs sind.

Der Luftraum ist in unterschiedliche Sektoren aufgeteilt. So muss sich ein Pilot auf dem Weg von Mailand nach Amsterdam ein gutes Dutzend Mal bei den jeweils zuständigen Lotsen an- und abmelden. Nur wenn der Verkehr auf den Luftstraßen zu dicht wird oder am Boden die Maschinen nicht schnell genug abgefertigt werden, schickt Ulrike Münzer die künstlichen Riesenvögel in die Warteschleife. Sie verfolgt vor allem ein Ziel: „Absolute Sicherheit.“ Aber auch Pünktlichkeit spielt eine wichtige Rolle. So beträgt die durchschnittliche Wartezeit nur eine Minute pro Flughafenanflug.
Die Flugsicherung hat 5200 Mitarbeiter bundesweit, allein in der Zentrale in Langen bei Frankfurt arbeiten 600 Lotsen im Drei-Schicht-Dienst.
Ulrike Münzer ist eine von ihnen. „Das ist mein Traumjob“, sagt sie. Nach dem Abitur habe sie „was Außergewöhnliches“ machen wollen. Eine Freundin erzählte ihr vom Beruf des Fluglotsen. Also ging sie zum Test. Erst in Stuttgart, dann in Hamburg. Beide geschafft. Dann folgte die fast zweijährige Ausbildung in der Akademie in Langen. Auch geschafft, was freilich nicht selbstverständlich ist.
Die Anforderungen sind hoch, die Durchfallquote liegt beim Eignungstest bei 95 Prozent, in der anschließenden Ausbildung immer noch bei rund 20 Prozent. „In diesem Beruf hat man eine große Verantwortung“, erzählt die junge Mutter und deutet auf den Bildschirm. „Sehen Sie die Punkte?“ Zwei grüne Zahlen kommen sich immer näher. Hinter dem Zahlencode verbergen sich zwei Flugzeuge, besetzt mit Hunderten von Menschen. Vielleicht trinken die Passagiere gerade Tomatensaft, lesen oder schlafen.
„Dass sich diese beiden Flugzeuge zu nahe kommen könnten, muss ich frühzeitig erkennen“, sagt Ulrike Münzer. Und verhindern. In diesem Moment ist der Stress, dem die sogenannten Flugverkehrsdienstleiter rund um die Uhr ausgesetzt sind, mit Händen zu greifen. Aber die zuständige Kollegin löst das Problem mit konzentrierter Gelassenheit. Oder wie es Münzer ausdrückt: „Wir haben den jetzt einfach in ein anderes Level gelegt.“ Soll heißen: Eine der beiden Maschinen muss in eine andere Flughöhe.

Am Himmel scheint die Freiheit noch immer grenzenlos zu sein. Dabei ist Deutschland inzwischen in Europa der am dichtesten beflogene Luftraum. Pro Tag werden von der DFS bis zu 10 000 Flüge gelenkt und geleitet. 3,12 Millionen waren es 2007. Und ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar. Experten schätzen, dass es allein in Deutschland bis zum Jahr 2015 rund 256 Millionen Passagiere jährlich gibt, das wäre ein Wachstum von 74 Prozent gegenüber 2003.

Auf dem Bildschirm von Ulrike Münzer sind jetzt noch mehr Punkte unterwegs als vorhin. Es ist Nachmittag, der Flugverkehr nimmt zu. Die Konzentration auch. Piloten melden sich an und ab. „Wenn man bis zu 15 Flieger oder mehr auf einmal betreut, geht einem schon mal die Düse.“
Münzer vergleicht solche Situationen mit dem Kartenspiel Uno, das sie daheim gerne mit ihrer vierjährigen Tochter und ihrem Mann, einem Architekten, spielt: „Man muss innerhalb von wenigen Sekunden die richtigen Entscheidungen treffen.“ Nur, die Flugsicherung ist kein Spiel. Und für private Plaudereien zwischen Lotsen und Piloten über Wetter, Familie und Freizeit bleibt ohnehin keine Zeit.
Der Himmel über Deutschland ist längst von einem dichten Luftstraßennetz durchsiebt – inklusive „Auf- und Abfahren“ (Start und Landungen) zu den Flughäfen. Deshalb arbeiten die Lotsen in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich, auch Sektor genannt, immer zu zweit. Münzer: „In diesem Beruf muss man teamfähig sein.“ Einer beobachtet den Radarschirm und hält Kontakt über Funk mit den Piloten. Der andere sorgt für die Planung der Flugwege, hat aktuelle Wetter- und Windprognosen im Auge, koordiniert Übergabehöhen mit angrenzenden Sektoren und trägt die neuen Daten auf dem Kontrollstreifen ein. Diese Papierschnipsel sind nur zwei auf zehn Zentimeter groß. Sie wirken in Zeiten von PC und Internet wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Aber sie beinhalten alles, was Lotsen für ihre Arbeit brauchen: das vierstellige Rufzeichen der Maschine, den Abflug- und Zielort, die Start- und Landezeit, die Flugnummer, den Flugzeugtyp, die Geschwindigkeit. „Viele machen sich keine Vorstellung, was für eine Koordination dahintersteckt, damit eine Maschine sicher und pünktlich an ihrem Ziel ankommt“, erzählt Ulrike Münzer. Sie selbst steigt gelassen ins Flugzeug. „Ich habe überhaupt keine Flugangst.“

Ulrike Münzer hat ihre Pause beendet und löst ihre Kollegin ab. Es ist früh am Abend. Der Monitor gleicht jetzt einem Ameisenhaufen. Feierabendverkehr. Die Flugspuren am Himmel bilden ein scheinbar völlig verworrenes Strickmuster. Aber die Lotsin bleibt ruhig. Vor ihr liegen viele dieser weißen Streifen. Alles Maschinen, die sie nun betreuen muss, damit sie ihren Kurs fortsetzen können, ehe sie vom nächsten Lotsen für die weitere Strecke übernommen werden.

Das Fliegen ist wie Bahnfahren – nur auf unsichtbaren Schienen. „Alles klar?“ Ulrike Münzer zwinkert zum Abschied mit den Augen, so als ob sie sagen will, man könne ganz beruhigt ins Flugzeug steigen und sich anschnallen. Dann dreht sich die Herrin der Lüfte um und ist nicht mehr ansprechbar. Volle Konzentration.

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1 Kommentare

KLIMA HEINZ on 21 Juni 2010 ,17:49

Für mich perfekt. Ich war selbst als Bordfunker beim Militär, habe auch einen Flugsimulator mit allen Finessen. Danke!

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