Die Rattenfänger erkennen
Schauspielerin Iris Berben im Gespräch über Ratlosigkeit, Religion und Radikalismus
By MICHAEL KALLINGERDie Aufzugstür im Foyer des Nürnberger Sheraton-Hotels öffnet sich, und heraus tritt Paul, ein verwegen dreinblickender Bursche mit kurz geschorenem Haar und reichlich Selbstbewusstsein. Kein Wunder, schließlich hat er mal wieder jene Frau im Schlepptau, die vielen seit Jahrzehnten als die erotischste Schauspielerin Deutschlands gilt. Was ihm vermutlich nicht wirklich bewusst ist, denn erstens ist Paul gerade mal sieben und zweitens ein Hund. Der Jack-Russell-Terrier begleitet Iris Berben, 58, zum Gespräch mit Reader’s Digest. Die sieht gewohnt blendend aus – und freut sich, dass ihr jugendliches Äußeres einmal nicht Gegenstand des Interviews sein soll.
Gern spricht sie dagegen über die Verständigung zwischen Deutschen und Juden. Und natürlich über ihre jüngsten Produktionen wie die Simmel-Verfilmung Gott schützt die Liebenden (ZDF, 3. Dezember, 20.15 Uhr).
Reader’s Digest: Sie drehen hier einen Film über die Industriellenfamilie Krupp. Inwiefern ist Nürnberg eine besondere Stadt für Sie?
Iris Berben: Insofern, als ich hier bereits mehrere Lesungen hatte, beispielsweise zum 60. Gedenktag der Nürnberger Prozesse. Dabei habe ich in dem Raum gelesen, in dem die Verhandlungen gegen die Kriegsverbrecher des Hitler-Regimes stattgefunden haben. Da ich explizit zu solchen Themen häufiger nach Nürnberg eingeladen wurde, verbinde ich die Stadt natürlich sehr mit der Dritte-Reich-Thematik. Ich überlege dann auch immer, wie das für die Einwohner ist: Belastet das, lebt man mit der Geschichte oder schiebt man sie weg?
RD: Es gibt Stimmen, die fordern, man müsse aufhören, mit einer Kollektivschuld zu leben. Darf man sagen: Leute, jetzt ist gut?
Berben: Von einer Kollektivschuld zu sprechen, halte ich für absolut falsch. Trotzdem darf man nicht sagen, es sei genug. Was ich allerdings gelernt habe über die Jahrzehnte, in denen ich mich nun mit dem Thema beschäftige, ist, dass die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte zu keinem Ergebnis, zu keinem Ende führen wird. Ich glaube, dass sich jede Generation wieder erneut damit auseinandersetzen muss – was stetig schwieriger wird, weil ja immer weniger Über- lebende diese Geschichte greifbar machen, sowohl auf der Täter- wie auf der Opferseite.
RD: Wie haben Sie Ihren Zugang zu diesem Thema gefunden?
Berben: Ich bin Jahrgang 1950 und in einer Generation aufgewachsen, die in ihrer Schulzeit erst einmal die Verunsicherung durch das Schweigen erlebt hat. 1968 fußte ja dann auch die studentische Protestbewegung auf dem Gedanken, dass man von den Schrecken der Nazi-Zeit nicht nahtlos zum Alltag übergehen dürfe. Ich glaube, dass wir den Prozess der Auseinandersetzung von Generation zu Generation weitertragen müssen. Ich sehe das weniger als Belastung denn als Chance, aus unserer Biografie zu lernen und frühzeitig auf bekannte Signale reagieren zu können. Durch Arbeitslosigkeit, durch den Mangel an Perspektiven ist der Boden schnell bereitet. Das Wissen darum gibt uns die Chance zu erkennen, wenn wieder die gleichen Rattenfänger durch die Lande ziehen.
RD: Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie sehen, dass die rechtsgerichtete NPD in Dresden im Landtag sitzt?
Berben: Wut natürlich. Dass so etwas möglich ist, bestätigt mich nur darin zu fragen: Womit aufhören?
RD: Wie kann man dem Wiederaufkeimen des rechten Gedankenguts entgegenwirken?
Berben: Indem man am Thema dranbleibt. Natürlich sind die Eltern gefordert. Von denen wissen wir aber, dass sie oft überfordert sind, weil sie selbst keinen Zugang zu diesem komplexen Thema finden. Deshalb werden die Politik und Institutionen wie die Schule immer in der Pflicht stehen. Trotzdem glaube ich, dass man als Mitglied der Gesellschaft ebenfalls gefordert ist – jeder, so gut er kann. Ich habe das ganz wunderbar in Schönebeck erlebt, einer kleinen Stadt in der ehemaligen DDR. Dort haben Schüler eine Initiative gegen Rassismus ins Leben gerufen. In jeder Großstadt würdest du damit rechnen, aber nicht in einem Landstrich, von dem man sagt, dass die Rechten dort besonders präsent sind. Und ausgerechnet dort finden Schüler und Lehrer den Mut für ein solches Projekt.
RD: Verpflichtet Prominenz zu besonderem Engagement?
Berben: Nein. Ich wehre mich dagegen, dass man das einfordern kann. Weil ich die Mechanismen in unserem Beruf kenne. Wie man dann etikettiert wird von „Die ist ein guter Mensch“ bis zu „Die macht das nur, weil …“. Bei mir kam das Engagement sicher dadurch, dass ich über 30 Jahre lang mit einem jüdischen Mann gelebt habe. Dadurch, dass ich viel in Israel war. Aber auch dadurch, dass ich Droh- oder Schmähbriefe erhalten habe, wenn ich zum Thema gesprochen hatte. Ich konnte gar nicht anders, als auch öffentlich zu reagieren. Also: Es ist eine gute Möglichkeit, die eigene Popularität zu nutzen, aber ich finde nicht, dass sie dazu verpflichtet.
RD: Sie sagten, dass die Protestbewegung der 68er dagegen aufbegehrte, die Gräuel des „Dritten Reichs“ totzuschweigen. Aus dieser Bewegung ist auch die RAF hervorgegangen, die das nächste blutige Kapitel deutscher Geschichte geschrieben hat.
Berben: Da hat etwas ganz Merkwürdiges stattgefunden. Die Bewegung ist natürlich auch aus dem Bedürfnis heraus entstanden, sich abzugrenzen von den Eltern, zu sagen: Ihr müsst zu eurer Verantwortung stehen. Es geht nicht, dass Träger des nationalsozialistischen Systems in ihren Ämtern bleiben. Gleichzeitig wurde die pro-israelische Politik der USA in Frage gestellt. Und ein Großteil der RAF-Terroristen erhielt seine militärische Ausbildung in arabischen Camps.
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