K önnen Sie sich noch an Schallplatten erinnern? Wenn man sie auflegte, glich das einem Ritual: das vorsichtige Auspacken, die sanfte Reinigung, das präzise Aufsetzen der Nadel. Während die Platte lief, durfte man nicht heftig auftreten, weil die Nadel sonst aus der Rille sprang. Wenn man einen Titel auflegte, hörte man das Stück auch zu Ende, und mit derselben Ehrfurcht wurde die kostbare Scheibe anschließend wieder in die Hülle geschoben.

Schallplatten waren anfällig, schon kleinste Kratzer führten zu einem unangenehmen Knacken. Sie waren unpraktisch, doch die besondere Fürsorge führte auch zu einer besonderen Beziehung zur eigenen Sammlung.

Meine Kinder kennen keine Schallplatten mehr. Sie gehören zur digitalen MP3-Generation. Vieles ist scheinbar einfacher geworden: Musik gibt es auf Knopfdruck, und wenn einem der laufende Titel nicht passt, springt man einfach weiter. Schneller Wechsel hat das Verweilen ersetzt, und beim kleinsten Indiz für Langeweile wird umgeschaltet, Titel werden nach wenigen Takten abgewürgt.

Junge Hörer und TV-Zuschauer sind Meister der Fernbedienung. Seit Jahren sinkt die durchschnitt-liche Verweildauer pro Fernsehsendung und lässt deren Macher verzweifeln. Die Dramaturgie der Medien stellt sich inzwischen darauf ein: Kurzweiligkeit ist angesagt, die klassischen Gesetzmäßigkeiten lösen sich auf, es gibt keinen „Anfang“ und kein „Ende“ mehr. Der Quereinsteiger reagiert ungeduldig; wenn man ihm nicht sofort einen „Kick“ serviert, ist er im nächsten Moment schon woanders.

Es scheint, als würde sich die Tradition des Wartens auflösen: Alte Liebesbriefe benötigten noch lange Reisezeiten, Urlaubsfilme wurden zum Entwickeln ins Geschäft gebracht, und es vergingen manchmal Wochen, bis man die Abzüge endlich zu Gesicht bekam. Das Warten war eine besondere Zwischenphase, eine sehnsüchtige Erwartung an die Zukunft, eine Verlängerung der Vergangenheit. Heute hingegen wird im Hier und Jetzt geknipst, gemailt und per SMS geflirtet. Wer Hunger hat, den beglückt die Mikrowelle mit einem Instantmenü.

Warten gilt als verlorene Zeit, und so werden wir auf Autobahnen von rasenden Lkws überholt, die ihre Waren an eine ungeduldige Kundschaft ausliefern. Die Ladenzeiten kennen keine Pausen mehr. Sofort muss es sein, sonst kauft man woanders! Selbst Babys werden planbar. Immer häufiger kommen sie per Kaiserschnitt auf die Welt. Das Wunder des Lebens wird terminiert.

Der Preis unserer Ungeduld ist hoch: Das Ereignis an sich wird reduziert, sowohl zeitlich als auch in der Intensität des Erlebens.

Mit den sofort verfügbaren Urlaubsfotos ist der Urlaub schnell abgehakt, das Tiefkühlmenü betrügt uns um den Genuss des frischen Gemüses und der fein abgestimmten Gewürze.

Instant ist die Abkürzung durch den Garten der Sinnlichkeit. Doch gut Ding will Weile haben: Selbst gemachte Marmelade lebt vom Pflücken, vom Säubern der Früchte, vom beschwerlichen Einkochen und Einfüllen. Wer all diese Stufen aktiv erlebt, hat später eine intensivere Beziehung zum Endprodukt. Jeder Löffel erinnert an den Entstehungsprozess. Das eigene Handeln und Erleben versüßt offenbar die Beziehung und macht das Endprodukt umso wertvoller. Selbst gemacht schmeckt eben besser!

Ranga Yogeshwar ist Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er moderiert TV-Sendungen wie zum Beispiel Wissen vor 8 und Die große Show der Naturwunder (ARD). Gerade ist sein Buch Sonst noch Fragen? (KiWi) erschienen.

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