Die Überlebenden
INTERVIEWS von Angela Levin
9/11 ZEHN JAHRE DANACH
BRUNO DELLINGER
Der französische Geschäftsmann entkam aus seinem Büro im 47. Stock des Nordturms. Heute lebt der 49-Jährige nördlich von Paris
„Ich saß gerade in meinem Büro im Nordturm des World Trade Centre und las meine E-Mails. Da ertönte das Dröhnen eines Flugzeugtriebwerks. Sekunden später prallte die Maschine gegen das Gebäude, das stärker schwankte als bei den Erdbeben, die ich in Japan erlebt habe“, erzählt er. „Zuerst blieb ich unheimlich ruhig. Ich hielt das World Trade Centre für absolut sicher. Dass es einstürzen könnte, kam mir nicht in den Sinn. In meinem Büro lösten sich nur ein paar Deckenelemente.
Obwohl kein Alarm ausgelöst wurde, wies ich meine elf Mitarbeiter an, die Büros zu verlassen. Ich vergewisserte mich, ob alles geräumt war, bevor ich ging. Ich nahm nur mein Handy und meinen Minicomputer mit. Im Treppenhaus war es unglaublich heiß. Aus den Aufzugschächten traten Flüssigkeiten aus, es hing Rauch in der Luft und der Geruch von Kerosin. Auf halber Strecke teilte sich die Treppe. Auf der anderen Seite sah ich Leute und überlegte ihnen zu folgen. Doch ich blieb in dem Treppenhaus, das zu unserem Büro gehörte. Die anderen haben es nicht geschafft. Ich schon. Warum, weiß ich nicht.“
Nach 50 Minuten war es Dellinger gelungen, das Gebäude zu verlassen, wenige Sekunden, bevor der zweite Turm zusammenfiel. „Als er einstürzte, umfing uns plötzlich tiefste Dunkelheit. Die Luft war voller Staub und Rauch. Um mich herum lagen verkohlte Leichen und Körperteile. Meine Ruhe war wie weggeblasen. Ich dachte, ich müsste sterben. Das waren die schlimmsten Augenblicke meines Lebens. Ich war über und über staubbedeckt und hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
Dann machte ich mich zu Fuß auf den drei Kilometer langen Heimweg. Dabei ging mir ständig der Gedanke durch den Kopf, ich wäre tot. Ich sehnte mich nach einer Umarmung. Irgendwann betrat ich einen Laden und bat um ein Glas Wasser. Ich war immer der harte Kerl gewesen, der in New York Karriere machte – doch da brach ich in Tränen aus.
Das Gefühl, tot zu sein, hielt monatelang an“, erzählt er. „Egal, was ich ansah, ob ein hübsches Mädchen oder ein Taxi, mein Gehirn gaukelte mir vor, dass das nicht real sei, weil ich in Wirklichkeit tot war. Meine Frau und ich hatten uns bewusst gegen Kinder entschieden, doch nach diesem Tag wünschte sich meine Frau ein Kind. Sie erklärte, wäre ich gestorben, wäre ihr nichts von mir geblieben. Ich empfand jedoch so viel Hass auf die Menschen, dass ich zunächst nicht wollte.
Aber im Laufe der Monate erkannte ich, dass die Welt Unschuld braucht. Inzwischen haben wir zwei Kinder, acht und sechs Jahre alt. Sie haben mir geholfen, mich mit den Menschen auszusöhnen. Was der 11. September wirklich für mich bedeutet, wird meine Frau nie verstehen können, glaube ich. Am liebsten würde ich als Einsiedler im Wald leben. Doch als Vater trage ich Verantwortung. Deshalb habe ich Manhattan verlassen und arbeite jetzt in Paris.“
9/11 ZEHN JAHRE DANACH
TADEUSZ HANC
Er arbeitete 2001 als Ingenieur im World Trade Centre. Inzwischen ist er in seine polnische Heimat zurückgekehrt
„Ich war schon eine Stunde lang in meinem Büro im 86. Stock des Nordturms, als ich plötzlich ein Flugzeug direkt auf mein Fenster zukommen sah. Es war so nah, dass ich die Gesichter der Passagiere erkennen konnte. In letzter Sekunde drehte es nach rechts ab und krachte mehrere Etagen über mir ins Gebäude.
Das Licht ging aus. Überall war Staub, doch mein Büro blieb unversehrt. Ich rief meine Frau an, um ihr zu sagen, dass es mir gut ging, suchte meine Unterlagen zusammen und holte einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Dann verließ ich das Büro.
Im Gang lagen Deckenplatten, doch ich ging gefasst die Treppe hinunter, blieb nur ab und zu stehen, um Feuerwehrleute vorbeizulassen. Vor einem Automaten sah ich ein Zehncentstück liegen und hob es auf. Es sollte mir Glück bringen.
Als ich den 14. Stock erreicht hatte, wankte das ganze Gebäude plötzlich heftig. Es wurde ganz schwarz um mich herum. Immer mehr Menschen schlossen sich mir an, während andere aus den unteren Etagen mit Taschenlampen hochleuchteten, um uns den Weg zu weisen. Als ich schließlich im Freien stand, hörte ich Schreie und dumpfe Geräusche. Es waren Menschen, die aus den Fenstern sprangen. Jemand sagte mir, mein Hemd sei voller Blut. Es war nicht mein Blut. Es musste also von jemandem sein, der gesprungen war.
Der öffentliche Nahverkehr funktionierte nicht mehr. Ich ging am Ufer des Hudson entlang, als ich sah, wie der Nordturm zusammenfiel. Ich wollte weglaufen, doch meine Beine versagten den Dienst. Ich sackte mitten auf der Straße zusammen und fing an zu weinen. Ein Fremder gab mir einen Schluck Wasser. Ich schleppte mich zum Fluss hinunter. Dort blieb ich sitzen. Stundenlang schaute ich auf das Bild der Verwüstung und versuchte, mich zusammenzureißen.
Ich wohnte elf Kilometer vom World Trade Centre entfernt und brauchte fünf Stunden, bis ich zu Hause war. Ein Nachbar meinte, ich sähe zehn Jahre älter aus und mein Haar sei ergraut.“
Hanc ist heute 58 Jahre alt und hat sein Leben von Grund auf verändert. „Ich hatte schon vor dem 11. September Herzprobleme, doch danach litt ich unter Herzrhythmusstörungen und Herzrasen. Das Leben in den USA war mir zu anstrengend. 2008 ging ich vorzeitig in den Ruhestand, zog nach Polen und kaufte mir eine Wohnung in den Bergen.
Meine Frau blieb in New York, doch wir sind nach wie vor Freunde. Ich lebe heute lieber allein. Die meiste Zeit über lese ich, reise und wandere durch die Berge. Meinem Herzen geht es viel besser, doch wenn ich die Zwillingstürme im Fernsehen sehe, verliere ich die Nerven, und ich fange an zu weinen.“
9/11 ZEHN JAHRE DANACH
GEORGE SLEIGH
Der Schiffbauingenieur aus Großbritannien arbeitete im 91. Stock, als der Nordturm getroffen wurde. Er ist heute 73, Rentner und lebt in Ohio
„Ich telefonierte gerade in meinem Büro, als ich das Donnern des Flugzeugs hörte, das knapp acht Meter weiter oben die Wand durchbrach. Über mir stürzte die Decke ein. Schützend hielt ich mir die Hände über den Kopf, und als praktizierender Christ betete ich, dass Gott mir beistehen möge. Ich war zwar halb unter Trümmern begraben, doch unverletzt. Ich griff nach meiner Aktentasche und warf mein Adressbuch hinein, weil ich mir die neue Büronummer meiner Frau Elaine nicht merken konnte. Minuten später hatte ich mein Büro verlassen.
Es gab drei Treppenhäuser. Zwei waren durch Schutt blockiert. Angst hatte ich keine, ich dachte auch nicht daran, dass das Gebäude einstürzen könnte. Das Treppenhaus war voller Menschen, die diszipliniert die Stufen hinabstiegen. Ich reihte mich wortlos ein, als mich plötzlich eine Art Wirbelsturm erfasste, und ich fand mich staubbedeckt in tiefster Dunkelheit wieder. Ich konnte gerade noch meine Aktentasche festklammern.
Der Südturm war eingestürzt, doch das wusste ich damals noch nicht. Wieder betete ich zu Gott. Mit zwei Männern, die ich nicht kannte, verließ ich das Gebäude und warf keinen Blick zurück. Geröll bedeckte die ganze Straße. Ein paar Minuten später wies mich ein Polizist darauf hin, dass mein Bein stark blutete. Ich hatte das gar nicht bemerkt. Ein Krankenwagen brachte mich in die Klinik, dort wurde die tiefe Fleischwunde genäht. Vom Wartezimmer aus versuchte ich eineinhalb Stunden lang meine Frau anzurufen, bis ich sie erreichte. Ich blieb die Nacht über im Krankenhaus, weil die Brücken gesperrt waren und damit der Heimweg nach New Jersey.
Zwei Jahre später zog ich mit meiner Frau zurück nach Ohio, wo das Leben gemächlicher abläuft. Ich weiß mein Leben und meine Familie heute mehr zu schätzen als früher. Gern hätte ich meine Kinder in der Nähe. Leider leben sie alle in verschiedenen US-Bundesstaaten.“
Zur Tötung bin Ladens hat Sleigh eine klare Meinung. „Ich fühlte mich erleichtert für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben. Vielleicht können sie nun mit dem Geschehenen abschließen. Doch die Begeisterung, die manche an den Tag legten, billige ich nicht. Sie war unangebracht – nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gegenseite nach dem 11. September genauso unangemessen benahm.“
9/11 ZEHN JAHRE DANACH
JOSE SALGADO
Der gebürtige Spanier arbeitete im 47. Stock des Nordturms bei der First Union Bank. Der 49-Jährige lebt in New Jersey
„Als das erste Flugzeug in das Gebäude krachte, versuchte ich den Sicherheitsdienst anzurufen, erreichte aber niemanden“, erinnert er sich. „In unserem Büro arbeiteten 32 Leute. Wir beschlossen, gemeinsam das Gebäude zu verlassen. Wegen der Benzindämpfe befeuchteten wir Papierhandtücher und hielten sie uns vors Gesicht. Als wir den 20. Stock erreichten, wollte sich eine Kollegin kurz ausruhen. Ich versuchte vergeblich, sie zum Mitkommen zu überreden. Sie hat es nicht geschafft.
Im Erdgeschoss stellte ich fest, dass zwei der vier Ausgänge durch Trümmer versperrt waren. Ich nahm den offenen auf der rechten Seite, sechs Kollegen nahmen den linken. Sie haben nicht überlebt. Draußen sah ich, wie der zweite Turm einstürzte. Ich rannte um mein Leben. Dicker Staub verwandelte den Tag zur Nacht.
Ich sehnte mich danach, meine Familie in die Arme zu schließen. Da der Verkehr zusammengebrochen war, machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach New Jersey. Gegen 17 Uhr fragte ich in einer Tankstelle, ob die Telefone wieder funktionierten und ob ich meine Frau anrufen dürfe. Als sie mich abholen kam, fielen wir uns in die Arme und weinten.
Zwei Wochen blieb ich zu Hause und wechselte dann in eine Filiale nach Philadelphia. Ich litt unter den Folgen des Erlebten. Mir fiel es noch ein Jahr lang schwer, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Der Weg zur Arbeit führte durch einen Tunnel. Sechs Minuten, die sich für mich anfühlten, als seien sie ein Jahr, und ich fürchtete jedes Mal, dass ich das Ende nicht erreichen würde. Meine fast 22-jährige Ehe überstand die Katastrophe zum Glück.
Ich war immer ein eher zurückhaltender, vernünftiger Mensch, doch seit dem 11. September vertraue ich so leicht niemandem mehr. Ich werde immer nervös, wenn jemand in Bus oder Bahn eine große Tasche bei sich hat, und frage mich immer noch, was ich hätte tun können, um meine Mitarbeiter zu retten. Dass ich überlebt habe, war Glück und meine anerzogene spanische Zähigkeit. Und noch etwas ist geblieben: Wenn ich mich heute für eine Richtung entscheiden muss, gehe ich immer nach rechts.“
9/11 ZEHN JAHRE DANACH
ELIZABETH TURNER
Sie war im siebten Monat schwanger, als ihr Mann aus London zu einer geschäftlichen Konferenz nach New York fliegen musste
„Mein Mann Simon, mit dem ich seit zwei Jahren verheiratet war, arbeitete als technischer Redakteur. Er flog im September 2001 mit 16 Kollegen zu einer Konferenz im Restaurant ‚Windows on the World‘ im 106. Stock des Nordturms“, berichtet sie. „Ich arbeitete damals in der Personalabteilung des britischen Fernsehsenders Channel 4. Ich war auf dem Weg zum Mittagessen in der Kantine, als ich auf Sky News sah, wie das erste Flugzeug gegen den Turm prallte. Dann wurde der zweite Turm getroffen. Alle sprachen von einem Terroranschlag. Ich bekam große Angst und versuchte, Simon zu erreichen. Aber ich kam nicht durch. Von diesem Moment an kam es mir vor, als schwebte ich außerhalb meines Körpers. Um mich selbst zu schützen, blendete ich den Schock einfach aus.“
Sie blieb den ganzen Tag im Sender und wartete auf Nachricht. „Gegen 19 Uhr holten mich meine jüngste Schwester und ihr Mann ab und brachten mich nach Hause. Meine beiden anderen Schwestern, mein Bruder und Freunde wechselten sich rund um die Uhr ab und blieben bei mir, sodass ich keine Sekunde allein war. Sie befürchteten, es könnten vorzeitig Wehen einsetzen. Dass Simon tot war, wurde nie offiziell bestätigt, doch sein Bruder und unser Trauzeuge flogen nach New York, um sich Gewissheit zu verschaffen. Am 21. September erklärten sie, dass er nicht wiederkommen würde. Von Simon gab es keine Spur.
Der Verlust war unsagbar schmerzhaft. Ich wollte ohne ihn nicht weiterleben und dachte an Selbstmord, doch ich war ja schwanger. Außerdem hatte ich schreckliche Angst davor, die Geburt ohne ihn durchzustehen und alleinerziehende Mutter zu werden. Unser Sohn William kam übrigens zum geplanten Termin zur Welt und wog stolze 3770 Gramm.
Im März 2002, als William vier Monate alt war, ließ ich ihn bei einer Freundin und flog nach New York. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was da Schreckliches passiert war. Nach meiner Rückkehr brauchte ich sehr lange, mit meinem Kummer fertig zu werden. Ich nahm dabei jede erdenkliche Hilfe in Anspruch. Reiki, eine Therapie, die auf der Heilung durch Berührung beruht, und ein Coach, der sich auf lebensverändernde Erfahrungen spezialisiert hatte, halfen mir.
William, der seinem Vater äußerlich und vom Wesen her sehr ähnlich ist, liebe ich über alles. Seit er drei Jahre alt ist, stellt er Fragen nach seinem Vater, die sich mit zunehmendem Wissensstand verändern. Dass ich Simon verloren habe, ließ mich ganz neu über das Leben nachdenken. Mittlerweile bin ich sicher, dass Zorn und Rachegefühle niemandem helfen. Stattdessen habe ich die Karten aufgenommen, die mir das Schicksal ausgeteilt hat, und beschlossen, das Leben zu bejahen und jeden Tag etwas Positives zu tun.“
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