Als Johan Lewin sein Fernsehgerät einschaltete, sah er diesen Verrückten: einen Deutschen, der auf seinem Fahrrad die Sahara durchquerte. Nicht einfach so, sondern um ein Signal im Kampf gegen Aids zu setzen. Johan Lewin ist Südafrikaner, und er leitet selbst ein sogenanntes Aids Awareness Project in St. Helena Bay etwa 160 Kilometer nordwestlich von Kapstadt. Wie der verrückte Deutsche müht er sich im Kampf gegen die Immunkrankheit, die nirgendwo so schlimm wütet wie auf dem Schwarzen Kontinent – Experten schätzen, dass allein in Südafrika knapp sieben Millionen Menschen HIV-infiziert sind.

Dann schrieb Johan Lewin einen Brief, und der Verrückte kam:
Joachim Franz, ein Werkzeugmacher aus Niedersachsen.

Mit Sportlern aus den südafrikanischen Townships raste Franz dann 2003 von Kapstadt nach Johannesburg. Zu einer täglichen Radetappe von etwa 130 Kilometern kam jeweils noch ein Lauf von 50 Kilometern. Das war für die lokalen Helden zu viel, doch Franz hielt durch, obwohl seine Achillessehne so entzündet war, dass sein Physiotherapeut täglich damit rechnete, dass sie abriss. „Wie kann ich durch Dörfer laufen, in denen 90 Prozent der Bevölkerung weggestorben sind, und dann jammern, dass ich Schmerzen habe?“, sagt Franz.

Es ist das tägliche Brot des Extremsportlers, die Dinge immer noch ein bisschen weiter zu treiben als andere, um die Menschen aufzurütteln, sie für die Leiden von Aids-Kranken zu sensibilisieren, um Geld für die Erforschung und Bekämpfung des HI-Virus zu sammeln. Für dieses einzigartige Engagement hat Reader’s Digest Joachim Franz zum Europäer des Jahres 2009 gewählt. Die 2600 Kilometer, die er in Südafrika zurücklegte, sind eine lange Strecke. Aber ein Klacks gegen den Weg, den Joachim Franz schon hinter sich hat.

Der lange Weg begann an einem trüben Januarmorgen 1990 im niedersächsischen Fallersleben, als dem starken Raucher Franz plötzlich seine Zigarette nicht mehr schmeckte. Er drückte den Glimmstengel aus und verkündete: „Ich ändere mein Leben.“ Die erste Reaktion von Ehefrau Andrea: Hohngelächter. Ihr 1,87 Meter großer Ehemann wog etwa 118 Kilogramm. Sport kannte er nur aus dem Fernsehen, Ausdauer bewies er vor allem auf dem Sofa, Extremleistungen brachte er hauptsächlich beim Rauchen und beim Trinken.

Der 29-Jährige führte das, was man ein geregeltes Leben nennt: als Werkzeugmacher im VW-Werk in Wolfsburg. 1984 hatte er Andrea kennen gelernt, drei Jahre später war Tochter Dana zur Welt gekommen. Mit Tausenden anderen ging es tagein, tagaus zur Schicht ins Werk, am Wochenende folgte eine Party der anderen.

Doch in dem Mann, der als knapp 30-Jähriger bei jeder Treppenstufe vor Anstrengung ächzte, steckte immer noch der Neunjährige, der einmal Bergsteiger werden wollte. „Mein gelebtes und mein erträumtes Leben passten nicht zusammen. Ich hatte so wenig erreicht, so wenig gesehen“, sagt er heute.

Einen Tag nach seinem Entschluss ging Franz zum ersten Mal joggen. Nach wenigen hundert Metern musste ihn der Mast einer Fußgängerampel stützen. Wer ihn damals sah, hätte in dem nach Atem ringenden Möchtegern-Läufer kaum den zukünftigen Ausnahmeathleten erahnt, der sein Talent in den Dienst an anderen stellen würde. Zunächst geschlagen kehrte Franz um, zurück zu Zigaretten und Bier. Beim zweiten Anlauf zwei Wochen später hielt er durch: Trabend und gehend schaffte er fünf Kilometer.

Pulsmessgerät und Vollkornnudeln bestimmten fortan sein Leben. Ein VW-Kollege, der zur deutschen Spitze im Langstreckenlauf gehörte, stellte Trainingspläne für ihn auf und nahm ihn mit zu Lauftreffs. Schon im März meldete sich Franz für den Hamburg-Marathon Ende Mai an. Er überstand die 42 Kilometer in der Hansestadt nicht nur, von rund 7000 Läufern ließ er knapp 5500 hinter sich, sein Gewicht lag bei 72 Kilo.

War es zuvor die Angst vor der Blamage, die ihn getrieben hatte, so kam nach dem ersten Achtungserfolg die Gewissheit, Talent zu besitzen: „Ich hatte etwas gefunden, das ich nie mehr aufgeben wollte.“ Das brachte auch Verluste. Auf Feiern trank er nicht mehr mit. „Ich wurde zum Außenseiter“, sagt Franz. Andrea begleitete ihn zunächst zu den Rennen, doch nach und nach lebte das Paar sich auseinander.

Es blieb nicht beim Laufen. Nachdem er bei der ersten Ausfahrt gleich die Radsportgruppe des VfL Wolfsburg hinter sich gelassen hatte, wechselte Franz zum Triathlon. Als ihm die Idee kam, als Erster die 6000 Kilometer lange Chinesische Mauer abzulaufen, verkaufte er sein Auto und nahm Kredite auf, um dieses Vorhaben zu finanzieren. Seine Frau hatte er nicht gefragt. Der platzte der Kragen: „Andere Familienväter zahlen von dem Geld ein Haus an.“ Franz hat nie einen Fuß auf die Mauer gesetzt, er fand keine Sponsoren, dafür stand er bald vor einem Haufen Schulden und einer zerbrochenen Ehe. „Unsere Leben verliefen einfach in verschiedene Richtungen“, sagt Andrea. „Er war so fixiert auf seinen Sport.“

 

 

Bewertung
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?Dann erhöhen Sie hier seine Punktzahl!

Am Beliebtesten in Drama...

  1. Sie träumte von Frieden
  2. Die Überlebenden
  3. Engel der Kinder

Mehr Artikel & Interviews

Kommentar abgeben

Name*
Email*
Kommentar*
Mehr spannende Reportagen und Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt?
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!