Um 20.30 Uhr, wenn das Baby schläft und draußen vor der Tür im Murnauer Moos der Nebel in den Himmel steigt, geht Tino Käßner in die Garage, um seine kleine Welt wieder aufzubauen. Er braucht dafür: Aluminiumrohre, Latex, Schraubenzieher und eine Stahlsäge. Käßner ist kein Computerbastler oder Modellbahnbauer. Er arbeitet jede freie Minute daran, dass sein Rennrad Time Trial Cervelo P3 Carbon – 7,8 Kilo schwer, 5000 Euro teuer – so perfekt läuft wie möglich. Käßner hat im November 2005 seinen rechten Unterschenkel verloren und kennt seitdem nur zwei Ziele: immer schneller werden. Und einmal an den Paralympics teilnehmen. Dafür muss er nicht nur an Zahnrädern und Lenkereinstellung basteln, sondern auch seine Beinprothese perfekt an das Rad anpassen. Er nimmt die Stahlsäge, kürzt das Aluminiumrohr der Prothese um einige Millimeter. Funken sprühen. Noch draußen vor der Garage ist das Kreischen zu hören. „Sportler müssen ihr Gerät optimieren“, sagt Käßner. Und sein Bein aus Metall und Plastik ist Teil der Maschine. Käßner verbringt viel Zeit damit, an der Prothese herumzubasteln. „Es mag seltsam klingen“, sagt er, „aber das macht richtig Spaß.“

Den Aluminiumstumpf des Kunstbeins hat Tino Käßner mit den Farben Schwarz, Rot und Gold verziert. „Ich fände es schön, mein Land zu vertreten“, sagt er, „vor allem, weil ich Deutschland auch zuvor präsentiert, dargestellt oder verteidigt habe, wie immer man das nennen will.“ Käßner, 34, war als Berufssoldat dreimal in Afghanistan im Einsatz. Altmodische Menschen würden vielleicht sagen, er habe sein Bein für sein Land gegeben.

Tino Käßner ist in einer friedlichen Welt aufgewachsen, in der der Krieg nur in Schwarz-Weiß-Filmen und den Erzählungen des Großvaters auftauchte. Zur Bundeswehr meldete er sich im Jahr 2000 nicht etwa, weil er Patriot ist oder das Abenteuer suchte, sondern weil „ich nicht mehr arbeitslos sein wollte“. Für Käßner ist die Armee ein normaler Arbeitgeber, wie Siemens oder BMW. 250 000 Beschäftigte, unbefristete Anstellung, Überstundenzuschlag.

Käßner ist ein postmoderner Soldat: professionell, ideologiefrei und ein bisschen naiv. Natürlich guckt der Feldjäger 2001 die Tagesschau, sieht die fallenden Türme in New York, hört die Reden der Politiker, nimmt die Weltlage zur Kenntnis wie den Wetterbericht. Wenn er genug hat, zappt er den Krieg aus dem Wohnzimmer, mit dem Zucken seines Zeigefingers. Dass die Tagesschau einmal über ihn berichten wird, ahnt er natürlich nicht.

Als Käßner den ersten Marschbefehl nach Afghanistan erhält, reagiert er darauf, wie es seine Art ist: nüchtern, pragmatisch, professionell. „Ich war nicht überrascht“, sagt er. Feldjäger arbeiten oft als Personenschützer in Einsatzgebieten. Er lernt den Panzer-Jeep „Wolf“ in taktischen Formationen zu steuern, schreibt ein Testament und verabschiedet sich von Freundin Antje – sie ist Sanitäterin und war selbst in Bosnien im Einsatz. Als er in Kabul ankommt, kann er drei Sätze in Paschtu: „Guten Tag. Guten Abend. Stehen bleiben, oder ich schieße.“

Camp Warehouse, das Hauptquartier der Bundeswehr in Kabul, ist eine Art Miniatur-Deutschland mit Sat-TV, Beck’s Bier, Fitness-Studio – und viel Langeweile. Aber wenn sich die Schlagbäume des Lagers hinter seinem Auto senken, landet Käßner auf einem anderen, chaotischen und gefährlichen Planeten. Auf den breiten Staubstraßen stauen sich Menschen, Esel, Motorräder, Autos. Jedes Objekt verliert in dem Szenario seine alltägliche Bedeutung und wird zur potenziellen Bedrohung. Fährt das Auto hinter mir zu dicht auf? Ist der Eselskarren eine Wegblockade, oder hat er wirklich eine Panne? Was ist mit der gelben Gasflasche am Straßenrand? Wenn Tino Käßner an Afghanistan denkt, dann vor allem an den Staub und an das Chaos auf der Straße. Er sagt: „Egal, wie wach du bist – du hast niemals alles unter Kontrolle.“

Käßner steuert den Turbodiesel-Van mit 80 Stundenkilometern in die bayerische Ortschaft Murnau hinein. Nur der rasante und doch kontrollierte Fahrstil erinnert an seine Spezialausbildung und den Kriegseinsatz. Vor dem Reha-Zentrum hält er, nimmt das Fahrrad mit einer Hand heraus, wirft seinem Begleiter eine Tasche zu und läuft mit schnellen Schritten die Treppen hoch. In der Tasche: der neue optimierte Unterschenkel.

Trainer Matthias Laar empfängt Käßner mit einer guten Nachricht. Er hat in Österreich eine Windkanalanlage gefunden, in der sie in den nächsten Wochen die ideale Sitzposition für die Radrennen herausfinden wollen. Gemeinsam waren die beiden Männer im Trainingslager auf Mallorca. „Wenn ich irgendwann das Regenbogentrikot des Weltmeisters tragen will, dann kann ich nicht nur in der Gegend rumradeln“, sagt Käßner.

Matthias Laar ist Lehrbeauftragter für Radsport an der Fakultät Sportwissenschaft der TU München und stimmt das Training auf Käßners Behinderung ab. Ein fehlendes Bein bringt den Körper aus der Balance, erklärt er und meint das ganz wörtlich: „Bestimmte Muskelgruppen, die bei der Beuge-Streck-Bewegung arbeiten, fehlen einfach.“ Käßner muss das ausgleichen. Tritt zu 80 Prozent mit dem linken Bein – und wird doch unglaublich schnell. Fährt in seinem weißen Trikot mit 50 Stundenkilometern durch die Murnauer Berge, meistens allein, „weil die gesunden Kumpels nicht mitkommen würden“, wie der Trainer lachend erzählt. In seinem ersten Jahr als Radfahrer wurde er bereits deutscher Vizemeister.

Käßner tritt mit hoher Frequenz. Der Beinstumpf steckt in einem Latexstrumpf, an dessen unterem Ende eine lange Schraube befestigt ist – so kann er an verschiedene Prothesen andocken, zum Radfahren, Joggen oder Klettern. Der rechte Oberschenkel ist merkwürdig dünn. Auch das linke Bein wurde von Splittern getroffen. Wenn er auf dem Rad sitzt, sieht man die starken Muskeln unter vernarbter Haut.

Der Tag, an dem Tino Käßner sein Bein verliert, ist ein ganz normaler Montag. In der „Morgenlage“ berichtet der Kompaniechef das Übliche: „Nicht ruhig, aber auch nicht stabil“, keine besonderen Vorkommnisse, keine unmittelbare Gefahr. Nach dem Mittagessen fährt Käßner mit zwei Kameraden zu einem Treffen mit der afghanischen Polizei. Über die Route Violett, wie die Straße heißt, steuert er den gepanzerten Geländewagen in Richtung Kabul.

Nach zehn Minuten sieht Käßner, wie ein weißer Toyota Corolla auf der Gegenfahrbahn nach links ausschert und direkt auf ihn zuhält. Der Toyota trifft den Jeep am Heck, der Wagen gerät ins Schlingern, prallt gegen einen Betonpfosten, ein Airbag öffnet sich, ganz nach Vorschrift, niemand ist verletzt. Die Männer steigen aus. Käßner sieht, wie der Fahrer des Toyotas wendet und schnell auf die Soldaten zuhält. „Moment, hier geht was schief“, denkt Käßner. Für einen Augenblick sieht er den Fahrer. Der Mann lacht, drückt einen Knopf, und zwölf Kilo Sprengstoff explodieren.

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