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Annette Theeck zählt nicht zu den Großverdienern. Dennoch kauft die 36-jährige Frankfurterin für sich und ihre Familie regelmäßig Bio-Lebensmittel. Zwei Kilo Äpfel sind es heute, ein Kopfsalat und zwei Liter Milch. Macht zusammen 7,87 Euro. Für die gleiche Ware aus konventioneller Produktion hätte die Mutter von fünf Kindern beim örtlichen Discounter nur 4,97 Euro bezahlt. Den Mehrpreis nimmt sie der Gesundheit zuliebe in Kauf: „Ich möchte sichergehen, dass so wenig Schadstoffe wie möglich in unserem Essen sind.“

Mit dieser Einstellung ist Annette Theeck nicht allein: Nach dem Öko-Barometer 2007 des Berliner Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz greift jeder fünfte Deutsche häufig zu Bio-Produkten, immer mal wieder sogar mehr als jeder zweite. Ähnlich sieht es in Österreich aus: Hier kaufen laut einer Studie von Bio Austria, der Organisation der österreichischen Bio-Bauern, 62 Prozent der Bevölkerung ein- bis zweimal pro Woche Bio-Lebensmittel.

Und das, obwohl die Preise dafür deutlich über denen konventioneller Ware liegen. „Öko-Bauern haben einen größeren Aufwand bei der Tierhaltung und in der Pflanzenproduktion – das wirkt sich auf die Preisgestaltung aus. Bio-Milch beispielsweise ist im Schnitt 10 Prozent teurer“, erläutert Bio-Austria-Sprecher Wilfried Oschischnig. „Beim Gemüse sind es zwischen 10 und 25 Prozent – außerhalb der Saison sogar mehr.“ Dennoch haben Bio- Produkte in Österreich inzwischen einen Marktanteil von knapp 6 Prozent. In Deutschland sind es mit 3 Prozent deutlich weniger. „Aber der Umsatz wächst seit 2003 rasant – im vergangenen Jahr um 18 Prozent“, kommentiert Antje Kasbohm von der Zentralen Marktberichtsstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) in Bonn. Marktkenner sprechen von einem anhaltenden Bio-Boom, Tendenz steigend. Ausschlaggebend für das zunehmende Interesse der Kundschaft ist laut Öko-Barometer 2007 vor allem der Wunsch, Schadstoffe in der Nahrung zu vermeiden, sich gesund zu ernähren und regionale Produkte zu fördern. Supermarkt- und Discounterketten sind längst auf den Zug aufgesprungen und führen Bio-Ware. Bleibt die Frage: Sind Bio-Gemüse und Bio- Obst wirklich gesünder?

Die Richtlinien sind streng - für alle Lebensmittel

Ein Teil des in Deutschland und Österreich verkauften Bio-Gemüses und -Obstes stammt aus dem Ausland, vor allem aus Italien, aber auch aus den Niederlanden und Spanien. Außerhalb der heimischen Saison kommen Äpfel auch aus Argentinien und Bohnen aus Ägypten. „Das liegt nicht zuletzt daran, dass bestimmte Früchte wie etwa Mangos oder Orangen in unseren Breiten gar nicht gedeihen“, erklärt ZMP-Expertin Kasbohm. Ganz gleich, woher die Bio-Ware stammt – vom Gesetzgeber wird sie zunächst einmal an denselben europäischen Schadstoffrichtlinien gemessen wie die Produkte aus konventionellem Anbau. „Die in der EU gültigen Höchstmengen für Pestizide in Lebensmitteln beispielsweise sind so gering, dass selbst dann keine Gefahr für die Verbraucher besteht, wenn tatsächlich einmal ein Wert geringfügig überschritten würde“, erläutert Jürgen Kundke vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung. Warum das so wichtig ist, erläutert Dr. Eva Kalbheim von der Deutschen Krebshilfe: „Rückstände von Schädlingsbekämpfungsmitteln können Störungen des Immunsystems und sogar Krebs auslösen.“ Da stimmt es schon nachdenklich, wenn beispielsweise die Untersuchungsämter in Baden-Württemberg feststellen, dass im letzten Jahr 13 Prozent der untersuchten Gemüseproben aus konventioneller Landwirtschaft die amtlich festgelegten Höchstmengen an Pflanzenschutzmitteln überschritten.

Weniger Chemie als Früher

Dabei setzen die konventionellen Landwirte diese Mittel heute in deutlich geringeren Mengen ein als früher. „Vor 15 Jahren brachten deutsche Landwirte im Durchschnitt fünf Kilogramm Pflanzenschutzmittel pro Hektar aus – heute sind es dank neuer Wirkstoffe und effizienteren Dosierungstechniken nur noch halb so viel“, erklärt Hannelore Schmid, Sprecherin des Industrieverbands Agrar, des Zusammenschlusses der Hersteller von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Auch zerfallen moderne Pestizide schneller als ihre Vorgänger und hinterlassen deshalb weniger Rückstände in Lebensmitteln – darüber sind sich die Experten einig. „Die Rückstände, die dennoch bleiben, setzen sich meist an der Schale ab“, erklärt Lebensmittelchemikerin Janine Schwarzkopf, die bei der Stiftung Warentest in Berlin zuständig für Lebensmitteltests ist. Verbraucher sollten Obst und Gemüse daher unzerkleinert gründlich und unter fließend warmem Wasser abspülen, am besten sogar abreiben. Viele von den wasserlöslichen Stoffen gehen so ab.

Für Bio-Ware gelten zusätzliche Normen

Bio-Gemüse und -Obst unterliegen zusätzlich zu den allgemeinen Schadstoffrichtlinienauch noch den strengen Vorschriften der EU-Öko-Verordnung. Sie untersagt den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel sowie von Kunstdünger. Überwacht wird die Einhaltung dieser Vorschriften von staatlich autorisierten Kontrollstellen. Gilt folglich: „Kein Gift, kein Risiko“? „Bei unseren Tests stellen wir regelmäßig fest, dass Bio-Produkte weniger mit Pestiziden belastet sind als Produkte aus konventionellem Anbau“, bestätigt Stiftung-Warentest-Expertin Schwarzkopf. „Ganz deutlich sieht man das bei den jüngsten Untersuchungen an Äpfeln und Limetten.“Aber auch Öko-Bauern kommen nicht ganz ohne Pflanzenschutz aus. So lässt die EU-Öko-Verordnung einige Pflanzenschutzmittel wie beispielsweise Pyrethrum zu, eine aus Chrysanthemen gewonnene Substanz. „Die meisten Konsumenten machen sich überhaupt nicht klar, dass es für die menschliche Gesundheit keinen Unterschied macht, ob ein Gift vonder Natur oder von Menschenhand hergestellt wurde“, sagt Kundke. Grund zur Sorge sieht er dennoch nicht: „Auch bei diesen Stoffen gelten absolut sichere Höchstmengen für Lebensmittel.“ Unterm Strich verwenden Bio-Produzenten aber nicht nur andere, sondern auch deutlich weniger Pflanzenschutzmittel, erläutert Frank Wetterich, der im Deutschen Bauernverband für den ökologischen Landbau zuständig ist. Das bestätigen auch die Untersuchungen aus Baden-Württemberg: Im Schnitt waren in den letzten fünf Jahren nur 12 Prozent des untersuchten konventionell erzeugten Obstes, aber 73 Prozent des Bio-Obstes frei von Pestizid-Rückständen. Beim Gemüse war die Situation ähnlich.

Kaum Unterschiede im Vitamingehalt

Nicht nur die Frage, wie viel oder wie wenig unerwünschte Stoffe im Obst und Gemüse sind, sondern auch der Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Nährstoffen entscheidet darüber, wie gesund sie sind. Schneiden Produkte aus der biologischen Landwirtschaft in dieser Hinsicht besser ab? Darauf haben die Wissenschaftler keine eindeutige Antwort. „Die biologische Produktionsmethode hat das Potenzial, den Anteil gesunder Inhaltsstoffe zu fördern“, sagt Dr. Alberta Velimirov vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau Österreich. „Etliche Studien deuten darauf hin, dass biologisch erzeugtes Blattgemüse reicher an Vitamin C und Antioxidanzien ist und dass Bio- Tomaten fast den doppelten Gehalt an gesundheitsfördernden Flavonoiden enthalten als konventionelle.“ Andere Experten widersprechen dem: „Aus ernährungsphysiologischer Sicht besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen bio und nicht-bio“, erklärt Silke Restemeyer, Ernährungswissenschaftlerin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Für den täglichen Einkauf hält sie folgenden Rat bereit: „Bevorzugen Sie Obst und Gemüse der Saison und aus der Region. Essen Sie es erntefrisch, und vermeiden Sie lange Lagerung, denn reif ist es besonders voll von Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen.“
Eventuell ein Plus an Vitaminen und gesundheitsfördernden Nährstoffen im Bio-Gemüse und Bio-Obst, in der Regel keine oder zumindest weniger Pestizidrückstände als in Waren aus konventionellem Anbau, deren Werte allerdings auch im gesundheitlich unbedenklichen Bereich liegen: So lautet das Fazit im Vergleich. Ob er dafür einen Aufpreis bezahlen will, muss jeder Verbraucher selbst entscheiden.

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