Ein bösartiger Tumor im Darm und sechs inoperable Metastasen in der Leber – so lautete im Frühjahr 2006 die schockierende Diagnose, die Anton Christen (57) erhielt. Nach der dreistündigen Operation, in der sie ihm den Tumor und einen Teil des Dickdarms entfernten, gaben ihm die Ärzte wenig mehr als ein Jahr zu leben. Die in solchen Fällen übliche Chemotherapie versprach wenig Erfolg, und so entschied sich der Schweizer Finanzbeamte für „lokale“ Chemo- und Laser-Behandlungen in der auf diese Verfahren spezialisierten Universitätsklinik Frankfurt. Dort injizierten die Ärzte ihm Zellgifte direkt in die Leber und verschmorten dann die so geschrumpften Tochtergeschwülste per Lasersonde. Mit Erfolg: Die Metastasen verschwanden. „Leider immer nur vorübergehend“, erzählt Anton Christen. Sechsmal kehrten sie zurück, sechsmal konnten die Ärzte sie zerstören.
 
Doch der 57-Jährige ist für die gewonnene Lebenszeit dankbar. „Statistisch müsste ich schon längst tot sein“, sagt er. „Dass ich überhaupt noch lebe, verdanke ich wohl auch dieser speziellen Behandlung.“
Heute überleben mehr Patienten. Christen zählt zu den vielen Patienten, die von kleinen, aber doch lebensverlängernden Fortschritten der Krebsbehandlung profitieren: Dazu gehören neue Operationstechniken ebenso wie eine gezieltere Strahlentherapie, die dem chirurgischen Eingriff folgt oder ihn ersetzt. Individuelle Dosierungen machen die Chemotherapie, die seit nunmehr sechs Jahrzehnten fast schon routinemäßig im Kampf gegen den Krebs zur Anwendung kommt, heute effektiver. Zudem stehen seit gut zehn Jahren spezielle Medikamente zur Verfügung, die das Wachstum bestimmter Tumorzellen hemmen sollen.
 
Auch wenn Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland, Österreich und der Schweiz bleibt – seit dem Beginn der 80er-Jahre ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, eine Krebsdiagnose noch mindestens fünf Jahre zu überleben: In Deutschland beispielsweise um 15 auf 53 Prozent bei Männern, bei Frauen um 10 auf 60 Prozent.
 
Am Anfang steht meist die Operation
Als „Goldstandard“ – also die erfolgversprechendste Behandlung – gilt bei jedem operablen Tumor und einzelnen Metastasen immer noch die Operation. „Hier kann ein Chirurg mit viel Erfahrung eine Menge dazu beitragen, Krebsrückfälle zu verhindern“, sagt Professor Hans-Rudolf Raab aus Oldenburg, der sich auf die Operation von Tumoren und Metastasen im Verdauungstrakt spezialisiert hat. „Der Anteil der Operation an einer Heilung der Darmkrebserkrankung liegt im Frühstadium bei über 90 Prozent, im leicht fortgeschrittenen Stadium des Dickdarmkrebses immer noch bei 80 Prozent.“ Selbst bei Metastasenbildung in Lymphknoten seien noch Heilungsziffern von 60 Prozent möglich. Und sogar bei Absiedlungen in der Leber könnten noch bis zu 40 Prozent der Patienten geheilt werden.
 
Werden zusätzlich zur Operation Zellgifte verabreicht, kann das die Überlebenschancen in manchen Stadien erhöhen – allerdings oft nur mäßig. Zum Einsatz kommt eine Chemotherapie entweder als zusätzliche sogenannte adjuvante Behandlung nach einer Operation, als tumorverkleinernde neoadjuvante Maßnahme davor oder als symptomlindernde palliative Therapie.
 
Wie groß ihr Nutzen ist, untersuchten 2004 australische Wissenschaftler. Sie errechneten aus den Daten von mehr als 200 000 Erkrankten, dass eine Chemotherapie die Wahrscheinlichkeit, die nächsten fünf Jahre zu überleben, nur um etwas mehr als 2 Prozent erhöht.
 
Dabei spielt die Krebsart eine entscheidende Rolle: Bei einigen Formen wie etwa dem Hautkrebs beeinflusst die Chemotherapie die Überlebensrate überhaupt nicht. „Lymphome oder Hodenkrebs sprechen hingegen gut auf eine Chemotherapie an und sind dadurch zu einem hohen Prozentsatz heilbar“, sagt Professor Dieter Hölzel, der für das Tumorregister München jahrzehntelang die Krebsdaten von 70 Krankenhäusern im Münchner Großraum ausgewertet hat. „Was die Überlebensraten bei metastasierten Tumoren angeht, hat sich in den letzten Jahrzehnten aber leider nur wenig verbessert.“
 
Dennoch, meint Ullrich Graeven, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft, ist die Chemotherapie für viele Patienten von Nutzen: „Wenn etwa mehrere Krebsherde im Körper wuchern oder wenn ein großer Tumor verkleinert werden muss, damit überhaupt operiert werden kann, ist eine Chemotherapie oft die einzige schnell wirkende Behandlungsoption.“
 
Abschied vom Gießkannenprinzip
Wer heute an Krebs erkrankt, dürfte künftig noch bessere Heilungs- und Überlebensaussichten haben: Lokale Tumorbehandlungen, nebenwirkungsärmere Therapien und individuelle tumorspezifische Behandlungskonzepte sollen die Überlebensrate bei Krebserkrankungen weiter steigern. „Zwar können wir in vielen Fällen immer noch keine Heilung versprechen“, sagt Krebsmediziner Graeven, „aber zumindest einen Zugewinn an Lebenszeit bei guter Lebensqualität.“
 
Ein neuer vielversprechender Ansatz, der die Chemotherapie ergänzen oder womöglich sogar ersetzen könnte, ist die individualisierte Tumortherapie. Vor der eigentlichen Behandlung stehen dabei spezielle Tests, die bestimmte Charakteristika der Krebszellen aufspüren. Erst danach kommen neue Medikamente zum Einsatz, welche die wuchernden Zellen nicht nach dem Gießkannenprinzip bekämpfen, sondern ihren Stoffwechsel über verschiedene Mechanismen gezielt hemmen.
 
Behandlungen werden zielgenauer
Zu diesen Medikamenten zählen zum Beispiel die sogenannten monoklonalen Antikörper. Die im Labor hergestellten Antikörper blockieren spezielle Signalstationen, zum Beispiel Wachstumsrezeptoren, die Krebszellen an ihrer Oberfläche tragen. So verhindern diese Wirkstoffe, dass wachstumsfördernde Moleküle an der Tumorzelle andocken, und bringen sie auf diese Art zum Schrumpfen. Der bekannteste Wirkstoff dieser Gruppe ist Trastuzumab (Handelsname Herceptin), der bei rund einem Viertel der Brustkrebspatientinnen genutzt werden kann. Kombiniert mit einer Chemotherapie senkt die monoklonale Antikörpertherapie das Risiko der behandelten Frauen zu sterben in vier Jahren um rund 18 Prozent.
 
Auch sogenannte Angiogenesehemmer gehören zur Klasse der medikamentösen Hemmstoffe. Sie blockieren Signale, die dem Krebs Anschluss an das Blutgefäßsystem ermöglichen. Der Tumor erhält keine Nährstoffe mehr, er verhungert förmlich.
Ein weiteres Beispiel für die neuen zielgerichteten Therapien ist der Wirkstoff Imatinib (Handelsname Glivec), der Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie – knapp 2000 Deutsche erkranken jedes Jahr neu daran – und mit einer besonders seltenen Form von Krebs, dem gastrointestinalen Stromatumor, helfen kann. In beiden Fällen kann der Wirkstoff die Überlebenszeit deutlich verlängern – und bei chronisch myeloischer Leukämie sogar zur Heilung führen. „Diese Krankheit war vor 15 Jahren nicht heilbar“, sagt Ullrich Graeven. „Heute aber kann man durch die Langzeit-Einnahme des Medikaments die Krankheit für lange Zeit stabilisieren, in einigen Fällen sogar heilen.“
 
Genetische Analyse des Tumors
Ob eines der modernen Krebsmittel oder eine Chemotherapie überhaupt anschlägt, untersuchen die Ärzte heute schon vor einer Behandlung mithilfe genetischer Analysen des Tumorgewebes. Zeigt ein Test etwa eine Häufung von HER-2-Genen in entnommenen Brust- oder Magenkrebszellen, steht zu vermuten, dass eine Behandlung mit Herceptin wirkt. Ebenso wird vorab bereits routinemäßig mittels Gewebetests geklärt, ob Brusttumoren empfindlich auf Hormone reagieren. In diesem Fall verordnet der Arzt meistens Medikamente, die den krebswachstumsfördernden Einfluss der Hormone blockieren.
 
Schon bald könnte ein Test eingeführt werden, der vorhersagt, ob ein Brustkrebs zu den 25 bis 30 Prozent gehört, die sich durch eine spezielle Dreifachkombination von Chemotherapeutika vollständig zerstören lassen. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg haben einen Gen-Chip entwickelt, der im Krebsgewebe nach dem Aktivitätsmuster von 512 Prognose-Genen fahndet. Wird der Chip fündig, bedeutet dies mit sehr großer Sicherheit: Der Tumor lässt sich durch die spezielle Chemotherapie zerstören.

Neue Ansätze mit alten Bekannten
Weil sie in Laborstudien eine metastasenhemmende Wirkung von blutdrucksenkenden Betablockern festgestellt hatte, untersuchte kürzlich eine britisch-deutsche Forschergruppe diesen Mechanismus genauer, und zwar an Brustkrebspatientinnen. Ergebnis: Die Einnahme von Betablockern senkte das Risiko für eine Metastasenbildung bei Brustkrebs um 57 Prozent und verlängerte das Überleben deutlich. Die Forscher erklären diese Zahl damit, dass die Medikamente das Andocken von Stresshormonen an Krebszellen blockieren und so verhindern, dass diese wuchern. Jetzt müssen weitere Studien klären, in welcher Dosierung und Anwendung die Mittel in der Therapie von Brustkrebs, aber auch anderer Krebsarten zum Einsatz kommen könnten.
Auch Allergiemittel, sogenannte Antihistaminika, scheinen als Nebenwirkung Krebs zu hemmen. Das zeigen mehrere neuere Untersuchungen.Bekannt ist, dass Allergiker ein verringertes Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Einige Studien haben gezeigt, dass viele Krebszellen Histamin produzieren und auch Histamin-Rezeptoren besitzen, über die das Zellwachstum angeregt wird. Deshalb könnte die Erforschung von Antihistaminika ein vielversprechender Therapieansatz für die Zukunft sein.
Kann mehr Fett vor Krebs schützen?
 
Ein hoher Kohlenhydratverzehr bei gleichzeitiger Verringerung von Nahrungsfetten könnte das Risiko für mehrere Krebsarten erhöhen. Das zeigen einige Studien. Ob eine fettreichere Ernährung mit weniger Brot, Pasta oder Pizza umgekehrt auch das Krebsrisiko senken kann, untersuchen deshalb jetzt auch Studien an Patienten – darunter eine an der Universitätsfrauenklinik Würzburg.
Eugene Fine, Professor am New Yorker Albert Einstein College of Medicine, sieht in dieser Ernährungsform eine zukünftige Therapie-Option für zumindest einen Teil der Patienten. „Wir nehmen an“, sagt er, „dass eine fettreiche und kohlenhydratreduzierte Ernährung bei bis zu zwei Dritteln unserer Patienten die Krankheit aufhalten oder sogar lindern kann.“ Nun gelte es auch, zu erforschen, welche Merkmale des Krebses darauf hinweisen, ob eine solche Diät anschlägt.

Alternativen ernst nehmen
Bislang von Schulmedizinern oft belächelt, könnten bald auch ergänzende Therapien in die Behandlungspläne mit einbezogen werden – Experten der Deutschen Krebsgesellschaft machen sich für die Erstellung einer „Leitlinie Komplementärmedizin“ stark. Eine solche Leitlinie könnte den Ärzten in Zukunft wissenschaftlich fundierte Informationen zu alternativen Therapien an die Hand geben.
Bislang wird Komplementärmedizin nicht im Studium gelehrt. „Die meisten Onkologen wissen nur wenig darüber“, sagt Dr. Jutta Hübner vom Centrum für Tumorerkrankungen der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. „Dabei nehmen bis zu 80 Prozent der Krebspatienten solche Therapien in Anspruch.“

Die Seele mitbehandeln
Jedes Behandlungszentrum in der Onkologie ist heute verpflichtet, Tumorpatienten auch eine psychoonkologische Betreuung anzubieten. Denn: Geht es der Seele gut, lassen sich Krankheiten besser bewältigen und womöglich sogar heilen. Die angebotenen Therapien reichen von psychologischer Beratung, Entspannungstechniken bis hin zu Stressbewältigungsprogrammen. „Studien belegen, dass eine psycho-onkologische Begleittherapie die Lebensqualität der Patienten klar verbessert“, bestätigt Professor Joachim Weis, onkologischer Psychotherapeut in der Klinik für Tumorbiologie an der Freiburger Universitätsklinik. Allerdings zeigen neuere Studienauswertungen, dass sich offenbar die Überlebenszeit dadurch nicht verlängern lässt.
 
Weshalb Krebspatienten dennoch von professioneller seelischer Unterstützung profitieren, erklärt der Experte so: „Fast ein Viertel leidet nach der Diagnose an einer klinischen Depression oder Angststörung – und das hat einen negativen Effekt auf den weiteren Verlauf der Erkrankung. Wie einige Studien zeigen, kann hier die psychotherapeutische Unterstützung helfen.“
 
 
Sechs Komplementär-Therapien im Wissenschaftstest
 
Misteltherapie: Extrakte der weißbeerigen Mistel werden unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht. Sie sollen die Abwehrkräfte stärken und die Metastasenbildung verhindern. Die Behandlung kann offenbar die Lebensqualität steigern. Patienten mit Leukämien oder Lymphomen raten Ärzte aber von dieser Therapie ab, da sie in Verdacht geraten ist, das Fortschreiten bestimmter Krebsarten des Immunsystems zu fördern. 
 
Nahrungsergänzungsmittel: Das Spurenelement Selen verstärkt vermutlich die Wirkung von Chemo- und Strahlentherapie und vermindert zugleich deren Nebenwirkungen. Wegen des Risikos einer Überdosierung sollte eine Therapie aber auf jeden Fall mit dem Arzt besprochen werden.
 
Vitamine: Präparate mit Antioxidantien wie den Vitaminen A, C und E können unter Umständen den Erfolg einer Chemotherapie vermindern. Daher sollten sie nicht begleitend eingenommen werden.
 
Enzyme: Eiweißen, die Stoffwechselprozesse beschleunigen, wie das Ananas-Enzym Bromelain, wird eine entzündungshemmende Wirkung zugesprochen. Offenbar können Kombinationen der Eiweißstoffe auch Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern. 
 
Hyperthermie: Die Erwärmung des Körpers oder von Körperteilen auf 40 bis 44 Grad soll die Tumorzellen gegenüber Strahlen- und Chemotherapie empfindlicher machen. Mehrere Studien haben einen Nutzen der Hyperthermie zusätzlich zu einer Strahlen- oder Chemotherapie gezeigt. Laut einer Studienauswertung des wissenschaftlichen Netzwerks Cochrane Collaboration kann sie als Ergänzung zu einer Strahlentherapie bei Frauen mit Gebärmutterhalskrebs das Überleben verlängern.
 
Entspannung: Autogenes Training und Gelenkte Imagination zählen zu den am häufigsten von Krebspatienten genutzten Verfahren. Sie mindern Schmerzen und helfen gegen Übelkeit.    
 
 

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