Am besten als Bösewicht
Seine Oscars erhielt der Hollywood-Star für Schurkenrollen. Doch privat ist Denzel Washington ein richtig netter Kerl
By JESSE KORNBLUTHTrotz seines Erfolgs – darunter zwei Oscar-Auszeichnungen und zahlreiche Hauptrollen in Filmen wie Die Akte oder Malcolm X – und hohen Gagen von bis zu 20 Millionen US-Dollar pro Film hält sich Denzel Washington, 54, eisern für einen ganz normalen Menschen. In der Öffentlichkeit ist der liebevolle Ehemann und Vater von vier Kindern stets höflich und nicht aus der Ruhe zu bringen. Ungewöhnlich für einen Hollywood-Star seines Kalibers, könnte man sagen.
Washington spielt die Hauptrolle in dem Streifen Die Entführung der U-Bahn Pelham 123, der diesen Sommer in die Kinos kommt. Es ist eine Neuverfilmung des Thrillers von 1974 über einen entführten New Yorker U-Bahn-Zug. Der von Washington verkörperte U-Bahn-Fahrdienstleiter und ein psychopathischer ehemaliger Häftling (John Travolta) liefern sich ein spannendes Duell. Schnell hat der bescheidene Held die Herzen der Zuschauer gewonnen.
Reader’s Digest sprach bei Dreharbeiten in Los Angeles mit Denzel Washington. Nachdenklich im Gespräch, aber immer auch zu einem Lachen aufgelegt, wurde er seinem Ruf gerecht: Dieses Hollywood-Ass ist erdverbunden.
Reader’s Digest:Es gibt ein Foto von Ihnen, wie Sie vor der Amtseinführung von US-Präsident Barack Obama in Mantel und Mütze ganz allein auf der Zuschauertribüne sitzen. Wieso sind Sie damals zwei Stunden zu früh erschienen?
Denzel Washington: Nicht zwei Stunden. Noch früher! Schuld daran ist meine Frau [Washington ist seit 26 Jahren mit Gattin Pauletta verheiratet]. Wenn das Baseballspiel meines Sohnes um 19 Uhr beginnt, sind wir bereits um 17 Uhr da. Die Amtseinführung war für 11.30 Uhr vormittags angesetzt, meine Frau dirigierte uns aber schon um 7 Uhr morgens hin.
RD:Was dachten Sie?
Washington: Dass mir kalt ist.
RD:Vor seiner Wahl sagte Barack Obama in einem Interview mit der TV-Talkshow-Moderatorin Tyra Banks, er würde gern von Ihnen in einem Film dargestellt werden. Ist er für Sie eine fassbare Gestalt, würde es Ihnen leichtfallen, ihn zu spielen?
Washington: Sehr schmeichelhaft, dass er das gesagt hat. Aber wenn seine Geschichte später einmal erzählt werden kann, werde ich für die Rolle zu alt sein. Und wenn’s jetzt gleich wäre, hätte er zu viel um die Ohren, da könnte ich ihm nicht auf die Pelle rücken und ihn um Tipps bitten, wie ich ihn spielen soll.
RD:Sie haben gesagt: „Wenn ich groß bin, möchte ich Clint Eastwood sein.“ Jetzt arbeiten Sie wie er als Schauspieler und Regisseur. Warum ist er Ihr Held?
Washington: Er betreibt [beim Drehen] geringen Aufwand. Und er ist in Hochform.
RD:Sind Sie auch.
Washington: Ich wog mehr als 93 Kilogramm, als ich bei The Great Debaters Regie führte. Aus dem Schneideraum kam ich mit zusätzlichen elf Kilo, also habe ich mächtig trainiert. Dann ging mein Knie kaputt und wurde operiert. In den nächsten sechs Wochen trainierte ich sitzend. Die Dreharbeiten zu dem U-Bahn-Film begann ich mit 104 Kilo. Schließlich brachte ich’s auf knapp 107 Kilo – und hatte 14 Kilo zugelegt. Da sagte ich mir, okay, die Gestalt, die ich spiele, ist ein normaler Typ, der Film wird davon profitieren. Jetzt bin ich wieder um 22 Kilo leichter. Ich habe an sechs Tagen pro Woche trainiert. In meinen nächsten Film, The Book of Eli [erscheint 2010], werde ich wieder einen anderen Körper einbringen.
RD:Sie können sich die Drehbücher aus einem großen Angebot aussuchen, was also fanden Sie an „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ so attraktiv?
Washington: Ich arbeite sehr gern mit dem Regisseur Tony Scott zusammen. Uns beiden liegt das Nachforschen. Wir nahmen ein Stück aus einer wahren Geschichte mit rein, über einen Burschen, der in Schwierigkeiten steckte. Dadurch wurde es interessanter. Und ich mag John Travolta sehr, er ist einer der reizendsten Menschen, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe. Mir hat gefallen, dass meine Rolle die eines ganz normalen Mannes ist, der in ungewöhnliche Umstände gerät. Und weil gerade eine Filmregie hinter mir lag, wollte ich etwas Größeres machen. Ehe ich mich versah, war ich im New Yorker Untergrund und in den Tunnelröhren zwischen den U-Bahnhöfen. Dort gab’s nur die Ratten und mich.
RD:Manche sagen, Sie gewinnen nur dann Preise, wenn Sie die Finger von biografischen Filmen über schwarze Führungsgestalten lassen und stattdessen Bösewichter spielen.
Washington: Ich drehe einfach Filme und freue mich auf das, was kommt. Meine Figur in Training Day war der ungehobeltste Kerl, den ich jemals verkörpert habe. Ich habe nicht kalkuliert: So bringe ich’s zu einem Oscar. Glauben Sie mir, es hat niemanden mehr überrascht als mich. Jedenfalls habe ich aus der Erfahrung gelernt, dass ich gern Schurken spiele. Der Schurke hat das Vergnügen.
RD:Privat geben Sie sich viel Mühe, der Gute zu sein. Sie sind mit Leib und Seele Bibelleser. Welches Buch der Bibel lesen Sie gerade?
Washington: [Den ersten Brief des] Johannes, Kapitel 3, die Stelle über Gehorsam und Sünde und Zügellosigkeit. Ich lese die Schrift derzeit zum zweiten Mal ganz. Vier Bücher liegen noch vor mir, dann werde ich wieder von vorn anfangen.
RD:Sie haben oft von Ihrer Liebe zu Ihrer Familie und von Ihrem Stolz auf Ihre Kinder gesprochen. Was haben Sie von Ihren vier Kindern gelernt?
Washington: Zurzeit gewöhne ich mich daran, dass sie erwachsen sind. Ich rede ja gern, jetzt lerne ich auch mal zu schweigen. Es ist ein interessanter Wandel für mich – und mehr noch für meine Frau, sie hat ja 25 Jahre lang alles für sie gegeben.
RD:Jahrzehntelang haben Sie gesagt: „Ich bin keine Berühmtheit. Ich bin bloß ein Schauspieler, der derzeit gerade etwas beliebter ist.“ Natürlich wissen Sie, dass Sie ein Star sind. Warum so bescheiden?
Washington: Ich bin, wer ich bin – ein umgänglicher Typ mit einem wunderbaren Job. Wie ich analysiert werde, überlasse ich anderen. In wenigen Minuten muss ich zum Spiel eines der Kinder, und dann bringe ich unsere Tochter zum Vorstellungstermin. Heute ist das mein Job.
|
| ||||||
Kommentar abgeben
| Name* | |
| Email* | |
| Kommentar* | |

Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!


Weitersagen



