Immer wenn ich die Briefe meiner Mutter lese, berühren mich die schön geschwungenen Linien ihrer Handschrift, die sich selbstbewusst über die Seiten ziehen. Über die Geburt meiner Nichte Donna schrieb sie: „Ich habe ein süßes kleines Gesicht, blaue Augen wie Papa und lange Finger wie Oma.“ Meine Mutter teilte uns die kostbaren Kleinigkeiten über ihre neugeborene Enkelin mit, da wir inzwischen Tausende Kilometer entfernt auf einem anderen Kontinent wohnten.

Der Verlust handschriftlicher Berichte macht mich traurig. Menschen jeden Alters geben offen zu, dass sich ihre Handschrift verschlechtert hat, seit die Computertastatur Füller und Papier ersetzt. Selbst Schulkinder erledigen ihre Hausaufgaben am Computer. Ich gehöre einer Generation an, die mit einem Buntstift im Kindergarten und einem Federhalter in der Schule schreiben lernte. Später an der Universität verwendete ich wie alle den Kugelschreiber. Das Schreiben hat jeden Bereich meines Lebens beeinflusst, seit ich meine ersten Buchstaben auf die linierten Seiten meiner Übungshefte malte.

Noch heute besitze ich mein Reisetagebuch aus den 70er-Jahren, das mich als 19-Jährige auf meinem ersten europäischen Abenteuer begleitete. Zwischen Bustickets und Theaterkarten notierte ich damals meine Eindrücke von London, Paris, Venedig und Rom. Ich schaue mir diese Erinnerungen heute noch gern an.

Seit ich zwölf war, habe ich Tagebuch geführt und meine Gedanken und Gefühle festgehalten. Mit diesem Ritual konnte ich meine Gedanken und Gefühle einordnen und verstehen. Obwohl ich das Geschriebene nur selten wieder durchgelesen habe, ist der Prozess des Schreibens nach wie vor tief in mir verwurzelt.

Heutzutage sind handgeschriebene Briefe leider so selten wie rote Pandabären, und dieser Verlust macht uns ärmer. Man denke nur an die Verführungskraft eines Liebesbriefs und die Kraft der Gefühle, die durch das Geschriebene vermittelt wurden.

Ich hüte die Karten, die mein Ehemann mir im Laufe der Jahre in seiner starken, entschlossenen Handschrift geschrieben hat, wie einen Schatz. „Ich liebe dich noch nach 15 Jahren tief und aufrichtig und heute mehr als damals, als wir uns begegnet sind.“ Ein greifbarer, schrift-licher Beweis seiner Zuneigung!

Nur wenige Menschen schreiben heute noch Briefe, nicht einmal an jene, die ihnen nahestehen. Mit E-Mails oder SMS-Nachrichten kommunizieren wir anders, weil sie durch Geschwindigkeit und Formlosigkeit geprägt sind. Das Abwägen von Worten, das einen handschriftlichen Brief charakterisierte, fehlt beinahe völlig. Möglicherweise halten wir öfter und mit mehr Menschen Kontakt, doch die Tiefe und Qualität hat nachgelassen.

Als Schriftstellerin und Künstlerin bin ich abhängig von meinen Notizbüchern. Darin halte ich meine Ideen und Träume fest, meine Gedanken über das Verstreichen der Zeit, führe Buch und Listen. Die Zugänglichkeit und Einfachheit von Stift und Papier sind unentbehrlich. Nachdem ich zehn Buchmanuskripte per Hand geschrieben hatte, war ich an das Fließen der Gedanken gewöhnt, das mit dem physischen Prozess des Schreibens einhergeht. Es dauerte Jahre, ehe ich so fließend tippen konnte.

Leider tendiert moderne Technologie zur Vergänglichkeit. Alte E-Mails drucken wir nicht aus, so gehen das Verständnis von Vergangenheit in gewissem Maße verloren. Archivare berichten, dass im ver- gangenen Jahrzehnt mehr Information verschwunden ist als in den 150 Jahren davor. Es ist so einfach, die Löschtaste zu drücken.

Steven Miller, Archivar an der Kunstgalerie von New South Wales, Australien, glaubt, dass die meisten Künstler heute noch handschriftliche Notizbücher für Skizzen und Ideen führen. Ansonsten ist das Material inzwischen zumeist digitalisiert. „Häufig erklärt uns die IT-Abteilung, wir beanspruchten zu viel Platz und sollten Dateien löschen“, sagt Miller. „Dabei ist das digitale Archivieren überaus instabil. Wir wissen nicht, wie es die Zukunft überstehen wird.“

Ein Ort, an dem ich handschriftliche Perlen aufbewahre, ist ein Ordner, in dem ich seit Jahren meine Lieblingsrezepte sammle. Am liebsten sind mir die handgeschriebenen Anleitungen meiner Mutter, in denen wichtige Zutaten unterstrichen sind. Immer wenn ich diese Rezepte zubereite, kommen Erinnerung in mir hoch.

Die digitale Welt von SMS, E-Mails und Instant Messaging schätzt den Wert des Handschriftlichen nicht mehr. Es wird Zeit, dass sich jemand für den Erhalt des Schreibens per Hand ausspricht. Sollten wir nicht Stift und Papier retten? Sollten Kinder nicht weiterhin lernen, mit einem Stift auf einem Blatt Papier zu schreiben?

Ich lade Sie alle ein, das Handschriftliche zu würdigen, diese Fähigkeit, welche die Zivilisationen jahrhundertelang vorangebracht hat.

Einen meiner Lieblingsbriefe erhielt ich von meiner Freundin Amanda, die 2008 im Alter von 49 an Krebs starb. Zu meinem 50. Geburtstag schrieb sie eine Geschichte, die unsere zehnjährige Freundschaft schilderte. „Es heißt, man kann sich seine Familie nicht aus-suchen. Hätte ich mich in meinem Leben auf die Suche nach der perfekten seelenverwandten Freundin begeben, hätte mir nichts Besseres passieren können, als dich gekannt zu haben.“

Cyndi Freiman, Schriftstellerin und Künstlerin, lebt in Sydney, Australien. Sie ist Mutter zweier Kinder. Zurzeit studiert sie für ihren Magister Artium.

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